GH Teil 2, 9/15, 1938

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1938

Der „Anschluß“ Österreichs an das Deutsche Reich

Nachdem Österreich-Ungarn durch den Versailler Vertrag aufgelöst und zur neuen Republik Deutschösterreich verkleinert worden war, war die Österreichische Bevölkerung unzufrieden. Der Wunsch, sich dem Deutschen Reich anzuschließen, der in einem großen Teil der Bevölkerung vorhanden war, wurde von den neuen Regierungen, die den Alliierten hörig waren, nicht berücksichtigt. Trotzdem ließen im April 1921 sowohl der Salzburger als auch der Tiroler Landtag Abstimmungen über eine Vereinigung mit dem Deutschen Reich abhalten.

Diese endeten mit einer Zustimmung von 98,8 % bzw. 99,3 % für eine Vereinigung, blieben aber wegen der Bestimmungen des Versailler Vertrages ohne praktischen Effekt – ein weiterer Bruch des Selbstbestimmungsrechts der Völker

Am 12. März 1938 marschierten auf Weisung Adolf Hitlers deutsche Wehrmachtstruppen unter dem Jubel der Bevölkerung in Österreich ein, ohne einen Schuß abzufeuern. In einer Ansprache am 15. März verkündete der deutsche Kanzler auf einer Massenkundgebung am Wiener Heldenplatz die Vereinigung. Das „Gesetz über die Wiedervereinigung“, nur wenige Wochen danach, wurde durch eine Volksabstimmung bestätigt. Im Deutschen Reich sprachen sich 99% der Bevölkerung für die Vereinigung der beiden Staaten aus. Auf die Frage: „Bist Du mit der am 13. März 1938 vollzogenen Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich einverstanden und stimmst Du für die Liste unseres Führers Adolf Hitler?“ gab es in Österreich 4.453.772 (= 99,73 %) Ja-Stimmen, 11.929 Nein-Stimmen und 5.776 ungültige Stimmzettel.1) Rolf Steininger, Leiter des Institutes für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck, schrieb zum Abstimmungsergebnis am 10. März 2018 auf dem Onlineportal der Wiener Zeitung: „Dabei ist davon auszugehen, daß es Wahlfälschungen … nicht gab – sie waren unter den gegebenen Umständen auch nicht nötig.“ 2)

Ausführliche Informationen gibt es im extra Beitrag „Der Anschluß Österreichs“

Quellen:

  1. Wiener Zeitung, 08.03.2008
  2. at, „Die Stunde ist gekommen“, 10.03.2018

1. Oktober 1938 – Anschluß des Sudetenlandes

Das Sudetenland bezeichnet den Raum des deutschen Grenzgebirges zwischen Böhmen, Mähren und dem schlesischen Riesengebirge. Im Versailler Vertrag wurde das Selbstbestimmungsrecht der deutschsprachigen Bevölkerung im Sudetenland, die im Oktober 1918 eigentlich eigenständige Provinzen gegründet hatte, nicht berücksichtigt. Die Gebiete wurden gegen den Willen der drei Millionen Sudetendeutschen in den neuen, künstlich geschaffenen Staat Tschechoslowakei integriert, in dem die Tschechen und Slowaken regierten. Auch die Sudetendeutschen wünschten sich eine Vereinigung mit dem Deutschen Reich, doch der pro-kommunistische tschechoslowakische Präsident Edvard Benes erlaubte es nicht. In ca. 20 Jahren unter tschechoslowakischer Herrschaft war es immer wieder zu Verfolgungen und Massakern an den Sudetendeutschen gekommen, z.B. als am 4. März 1919 tschechisches Militär auf deutsche Demonstranten schoß, die für Unabhängigkeit der Sudeten protestierten, und 54 von ihnen dabei starben.

Der neue Vielvölkerstaat ČSR um 1930

Ende September 1938 wurde eine Notfallkonferenz in München einberufen, an der Adolf Hitler, der britische Premierminister Neville Chamberlain, der französische Ministerpräsidenten Edouard Daladier und der italienischen Diktator Benito Mussolini teilnahmen. Im daraufhin geschlossenen Münchener Abkommen vom 29. September 1938 wurde der Wiederanschluß des Sudetenlandes an das Deutsche Reich auf friedlichem Wege erreicht Die Teilnehmer waren sich einig, daß das Sudetenland wieder zu Deutschland gehören sollte. Am 1. Oktober 1938 rückten deutsche Soldaten der 30. Infanterie-Division und der 2. Panzerdivision in das zuvor geräumte deutsche Sudetenland ein. Mit dem „Gesetz über die Wiedervereinigung der sudetendeutschen Gebiete mit dem Deutschen Reich“ vom 21. November 1938 wurde das wieder eingegliederte Sudetenland nun auch rechtsgültig zum Bestandteil des Deutschen Reiches. Ohne einen Tropfen Blut zu vergießen, wurden die Sudeten wieder ins Deutsche Reich integriert. Ähnlich wie in Österreich war die überwältigende Mehrheit für einen Anschluß.

Der britische Premier Chamberlain bejubelte das Münchener Abkommen als „Frieden für unsere Zeit“ („Peace for our time“). 1)

Ausführliche Informationen gibt es im extra Beitrag „Der Anschluß des Sudetenlandes“

Quellen: 1. en.wikipedia.org, Peace for our time

Der Wiener Schiedsspruch vom 2. November 1938

Nach der Münchener Konferenz bleibt zunächst das Problem der polnischen und ungarischen Minderheiten offen, zu dessen Lösung die vier Mächte sich drei Monate Zeit gelassen hatten.

Am 1. Oktober beginnen die deutschen Truppen, das Deutschland zuerkannte Sudetenland zu besetzen. Am gleichen Tage marschieren die Polen in das ihnen zu der Zeit noch nicht zugesprochene Teschener Gebiet. Am 14. Oktober wird ein Drittel der deutschen „Einmarschtruppe“ wieder abgezogen. Neben diesen schnell geschaffenen Fakten läuft ein heftiges Zerren um die zwei noch offenen Minderheitenfragen. Die Warschauer Regierung versucht ihre weiteren Interessen in der Tschechoslowakei mit Hilfe des deutschen Hebels und mit ungarischer, rumänischer und slowakischer Hilfe durchzusetzen. Die Regierung in Budapest dagegen verhandelt mit der zuständigen Regierung in Prag. Zunächst die Ungarn:

Gleich zu Beginn des Oktobers 1938 treffen sich zwei Delegationen aus Prag und Budapest, um die Minderheitenrechte der Ungarn und einen neuen Grenzverlauf zu regeln. Nach fast zwei Wochen werden die Verhandlungen ergebnislos beendet. Der italienische Staatschef Mussolini, der sich nach wie vor als der Patron der Ungarn fühlt, und der seinen Einfluß dort nicht schwinden sehen möchte, drängt nun die deutsche Reichsregierung, helfend einzugreifen. Mussolini fürchtet, daß das Ungarnproblem in der Tschechoslowakei binnen dreier Monate anders nicht zu lösen ist, und er will vermeiden, daß dann die dafür vorgesehene nächste Viererkonferenz zusammentritt. Dort könnten England und Frankreich zu Lasten Ungarns und zugunsten der Tschechen und Slowaken Einfluß nehmen. Berlin und Rom üben daraufhin gemeinsam Druck auf Prag und Budapest aus, bald eine Einigung zum Schicksal der ungarischen Minderheit und zum neuen Grenzverlauf zu finden. Die Regierungen in Budapest und Prag erklären daraufhin am 30. Oktober, daß sie bereit sind, im voraus einen Schiedsspruch anzuerkennen, den Deutschland und Italien zum Streit der beiden Staaten fällen werden.

britische Regierung zeigt kein Interesse an dem Streit Ungarns und der Tschechoslowakei. Sie selbst empfiehlt der italienischen Regierung, die Minderheitsfrage durch ein deutsch-italienisches Schiedsgericht ohne Hinzuziehung der Regierungen in London und Paris zu lösen. 1

Verkündigung des Wiener Schiedsspruchs durch Außenminister von Ribbentrop Am Tisch von rechts nach links: der ungar. Außenmin. v. Kanya, Chefdolm. Dr. Schmidt, Legationsrat Dr. Woermann, Außenmin. v. Ribbentrop, der ital. Außenmin. Graf Ciano, der tschech. Außenmin. Chvalkovski und der slowak. Min.Präs. Dr. Tiso

Am 2. November 1938 tritt daraufhin eine deutsch-italienische Schiedskommission in Wien zusammen. Ungarn, Tschechen und Slowaken tragen ihre Positionen vor und das Schiedsgericht entscheidet. Ein von Westen nach Osten verlaufender Gebietsstreifen im Süden der Slowakei mit einem Zipfel in der Karpato- Ukraine werden Ungarn zugeschlagen. Damit kommen 746.000 Ungarn heim ins Mutterland. Doch auch 75.000 Slowaken werden dadurch gegen ihren Willen nach Ungarn eingebürgert.

Die Landverluste der Tschechoslowakei nach dem Wiener Schiedsspruch

Mit dem Wiener Schiedsspruch ist nur die eine Minderheitenfrage einer Lösung zugeführt. Die zweite, die nach dem Münchener Abkommen ja auch noch offen ist, bleibt dabei ungelöst. Der Staat Polen stellt gleich nach der Annexion des Teschener Gebiets eine Reihe immer neuer Forderungen nach „polnischen“ Gebieten. Doch dabei handelt es sich neben einem Streifen Grenzland vor allem um Gebiete mit Kohlevorkommen und Chemischer Industrie. Die polnischen Gebietsansprüche, die erkennbar mehr nach fremden Bodenschätzen als nach eigenen Minderheiten trachten, werden beim Wiener Schiedsgericht nicht mit verhandelt. So bleibt die Frage der polnischen Minderheit in der Tschechoslowakei auch weiter ungelöst. Und damit ist der im Münchener Abkommen vorgesehene Zeitpunkt für eine Garantie der Italiener und der Deutschen zu den neuen Grenzen der Tschechoslowakei noch immer nicht gekommen.

Nun bahnt sich der baldige Bruch der bisher vertraglichen deutsch-polnischen Beziehungen an. Während des ganzen Oktobers 1938 versucht Polen, den Zerfall der Tschechoslowakei mit Deutschlands Hilfe zu beschleunigen, die Slowakei mit Teilen ihrer Industrie und Bodenschätze zu beerben und die Karpato-Ukraine den Ungarn zuzuschieben. Letzteres will Polen, um bei einem Krieg mit Rußland die Unterstützung der Ungarn an der eigenen Hintertür zu haben. Für die Polen sind die Tschechen und Slowaken nicht Partner, sondern im Falle einer Auseinandersetzung mit den Sowjets die Verbündeten des potentiellen Gegners, und zwar im eigenen Rücken. Am 24. Oktober, bei einem der Gespräche, das der polnische Botschafter Lipski zu diesem Zwecke mit Außenminister von Ribbentrop in Berlin führt, bringt der ein neues Thema aufs Tapet. Von Ribbentrop eröffnet Lipski, daß Hitler in absehbarer Zeit die Rückgliederung Danzigs an das Deutsche Reich wünscht. Das hätte zu der Zeit durchaus ein Handel werden können, Danzig gegen ein Stück der Tschechoslowakei. Doch der Wiener Schiedsspruch läßt die Wünsche Polens außen vor. Hier ist eine Chance verpaßt, das Streitobjekt Danzig, das ein Jahr danach den Krieg auslöst, im Zuge eines „Handels“ aus der Welt zu schaffen. Ab dem 24. Oktober 1938 ist das Thema Danzig zwischen Berlin und Warschau auf dem Tisch.

Quellen: Politisches Archiv des Auswärtigen Amts, R 29770, Blatt 760 76

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