GH Teil 2, 7/15, 1933-1935

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1933-1935

November 1933 – Roosevelt erkennt die Sowjetunion diplomatisch an

1917 hatten die USA ihren Botschafter aus Rußland zurückgezogen. 1922 wurde die Sowjetunion gegründet, und schon bald bemühte sie sich um die diplomatische Anerkennung durch die USA, zunächst vergeblich. Nicht nur, daß die US-Amerikaner das sowjetische Gesellschaftssystem ablehnten, auch die Weigerung der neuen russischen Regierung, die Schulden des Zarenreichs aus der Zeit des Ersten Weltkriegs zu übernehmen, spielte eine Rolle.

Der Kurswechsel kam 1933 mit dem Amtsantritt des demokratischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Am 16. November 1933 konnte der sowjetische Außenkommissar Maxim Litwinow in Washington mit Präsident Roosevelt die Anerkennung der UdSSR vereinbaren.

Der folgende Telegrammtausch, FDR an Maxim Litvinov, kennzeichnete die diplomatische Anerkennung:

 

Das Weiße Haus, Washington, 16. November 1933

Mein lieber Herr Litvinov:

Ich freue mich sehr, Ihnen mitteilen zu können, daß die Regierung der Vereinigten Staaten aufgrund unserer Gespräche beschlossen hat, normale diplomatische Beziehungen zur Regierung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken aufzunehmen und Botschafter auszutauschen.

Ich vertraue darauf, daß die Beziehungen, die jetzt zwischen unseren Völkern hergestellt werden, für immer normal und freundlich bleiben und daß unsere Nationen fortan zum gegenseitigen Nutzen und zur Wahrung des Weltfriedens zusammenarbeiten können. Ich bin, mein lieber Herr Litvinov,

Mit freundlichen Grüßen

FRANKLIN D. ROOSEVELT

Washington, 16. November 1933

 

Mein lieber Herr Präsident:

Ich freue mich sehr, Ihnen mitteilen zu können, daß die Regierung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken gerne normale diplomatische Beziehungen zur Regierung der Vereinigten Staaten aufnimmt und Botschafter austauscht.

Auch ich teile die Hoffnung, daß die jetzt zwischen unseren Völkern bestehenden Beziehungen für immer normal und freundlich bleiben und daß unsere Nationen künftig zum gegenseitigen Nutzen und zur Wahrung des Weltfriedens zusammenarbeiten können.

Ich bin, mein lieber Herr Präsident,

Mit freundlichen Grüßen

MAXIM LITVINOV

Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten, Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken 1)

Erster US-Botschafter wurde William C. Bullitt. Für den jungen Sowjetstaat bedeutete dies einen großen außenpolitischen Coup. Die USA wiederum versprachen sich von der Anerkennung Handelserleichterungen für die eigenen Agrarexporte in die Sowjetunion. Sie sollten der daniederliegenden amerikanischen Wirtschaft wieder auf die Beine helfen. Das Moskauer Regime sagte im Gegenzug zu, jegliche kommunistische Propaganda auf amerikanischem Boden zu unterlassen. Für die Frage der zaristischen Altschulden fand sich eine elegante Lösung: Sie wurde auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Roosevelt erkannte also einen Staat an, der mit der Komintern offen das Ziel verfolgte, alle „bourgeoisen“ Regierungen zu stürzen, inklusive die der USA. Diese Annäherung an den kommunistischen Terrorstaat, der in der Ukraine eben erst sieben Millionen Menschen verhungern hatte lassen, half den Sowjets dabei, ihre Macht zu konsolidieren. 2)

Quellen:

      1. http://deadpresidentsdaily.blogspot.com
    1. de, USA erkennen UdSSR an, 01.11.2018

 

1935

Die Alliierten brechen den Versailler Vertrag

Staat Militärische Flugzeuge 1) Im 1. Teil des Versailler Vertrages wurde festgelegt, „ daß es die Aufrechterhaltung des Friedens nötig macht, die nationalen Rüstungen auf das Mindestmaß herabzusetzen, das mit der nationalen Sicherheit vereinbar ist.“ Die Entmilitarisierung des Deutschen Reiches sollte „die Einleitung einer allgemeinen Rüstungsbeschränkung aller Nationen“ bedeuten. Das Deutsche Reich sollte also zuerst abrüsten, so daß danach die Siegermächte des Ersten Weltkrieges folgen konnten.

Die Alliierten dachten aber nie daran, abzurüsten, im Gegenteil: Sie rüsteten teilweise sogar auf. 2)

Frankreich 3.000
England 1.800
Sowjetunion 1.700
Tschechoslowakei 700
Polen 700
Belgien 350
Deutsches Reich 70

Damit erscheint der Vorwurf, Deutschland habe durch die Aufrüstung ab 1935 den Versailler Vertrag gebrochen, in einem völlig anderen Licht. Warum sollte Deutschland eine Pflicht gehabt haben, sich an den Vertrag zu halten, wenn die Alliierten ihn schon gebrochen hatten?

Hitler hatte bei einer Rede im Reichstag am 17. Mai 1933 gesagt:

„Deutschland wäre auch ohne weiteres bereit, seine gesamte militärische Einrichtung überhaupt aufzulösen und den kleinen Rest der ihm verbliebenen Waffen zu zerstören, wenn die anliegenden Nationen ebenso restlos das gleiche tun würden. Wenn aber die anderen Staaten nicht gewillt sind, die im Friedensvertrag von Versailles auch sie verpflichtenden Abrüstungsbestimmungen durchzuführen, dann muß Deutschland zumindest auf der Forderung seiner Gleichberechtigung bestehen.“ 3)

Am 29. November 1934 sagt der ehemalige britische Premierminister Lloyd George in London vor dem Unterhaus:

„Die Signatarmächte des Vertrages von Versailles versprachen den Deutschen feierlich, man würde abrüsten, wenn Deutschland mit der Abrüstung vorangehe. Vierzehn Jahre hat Deutschland auf die Einhaltung dieses Versprechens gewartet. In dieser Zeit ist eine Reihe ausgesprochen friedfertiger Minister in Deutschland tätig gewesen, Minister, die nicht aufgehört haben, die großen Mächte zu beschwören, endlich mit der Einlösung des gegebenen Versprechens ernst zu machen. Man hat sich über diese deutschen Minister … lustig gemacht. In der Zwischenzeit haben alle Länder, mit Ausnahme Englands, ihre Kriegsbewaffnung gesteigert und sogar den Nachbarn Deutschlands Geldanleihen zugestanden, mit denen diese wiederum gewaltige Militär-Organisationen dicht an Deutschlands Grenzen aufbauten. Können wir uns denn wundern, daß die Deutschen zu guter Letzt zu einer Revolte gegen diese chronische Betrügerei der großen Mächte getrieben wurden.“ 4)

Daß auch England seine Flotte aufgerüstet hat, verschweigt Lloyd George.

Durch das „Gesetz über den Aufbau der Wehrmacht“ vom 16. März 1935 wurde die Grundlage für einen Wiederaufbau der Armee festgelegt, um die Reichsgrenzen im Notfall schützen zu können, was die Alliierten seit Jahren abgelehnt hatten. Trotzdem schloß Deutschland in Anerkennung der englischen Seemacht noch am 18. Juni 1935 ein Flottenabkommen mit England ab und verpflichtete sich, die eigene Flotte im Verhältnis 35:100 zur britischen Commonwealth-Flotte zu beschränken.

Reagierte Deutschland also nicht in zumindest nachvollziehbarer Art und Weise auf einen klaren Vertragsbruch der Alliierten? Es war sogar weiterhin bereit, seine Rüstung im Vergleich zu Großbritannien niedrig zu halten.

Quellen:

  1. Die Aufrüstung in Europa und USA 1918 – 1939, vorkriegsgeschichte.de
  2. Gerd Schultze-Rhonhof, „Der Krieg, der viele Väter hatte“, S.247 ff.
  3. Max Domarus: Hitler. Reden und Proklamationen von 1932-1945. Kommentiert von einem deutschen Zeitgenossen. Würzburg 1962/63. S. 276
  4. Bernhardt, Hans, Deutschland im Kreuzfeuer großer Mächte, S. 151

13. Januar 1935 – Das Saarland entscheidet sich in Volksabstimmung für das Deutsche Reich

Der erste Anschluß fällt Hitler sozusagen in den Schoß. Während der Siegerkonferenz in Versailles hat der französische Ministerpräsident Clemenceau wiederholt versichert, daß die Saarländer französischer Abstammung seien und, soweit doch von deutscher Herkunft, Bürger Frankreichs werden wollten.1) So jedenfalls notiert das der französische Historiker und Politiker Jacques Benoist-Méchin in einem seiner Bücher. Trotz des festen Willens der Franzosen findet ihre Absicht, auch das Saargebiet zu schlucken, in Versailles keine Mehrheit. Die Russen, die ihnen die Saar im Geheimvertrag von 1917 zugesichert hatten, sind in Versailles nicht mehr dabei. Und US-Präsident Wilson sowie der englische Premier Lloyd George sind nicht damit einverstanden, daß Clemenceau das Saarland samt Bevölkerung und Bodenschätzen annektiert. Als Kompromiß der drei großen Siegermächte wird das Saarland zunächst für 15 Jahre unter die Verwaltung des Völkerbunds gestellt. Dann erst soll nach einer Volksabstimmung entschieden werden, ob es auf Dauer französisch, selbständig oder wieder deutsch wird. Eine fünfköpfige, international besetzte „Saarkommission“ soll das Saarland in diesen 15 Jahren im Auftrag des Völkerbunds regieren. Die Saarkommission steht unter dem Vorsitz eines französischen Präsidenten. Sie entpuppt sich bald als alleinige Vertretung französischer Interessen. Das ändert sich auch nicht, als das kanadische und das deutsche Mitglied der Kommission deshalb aus Protest dies Gremium verlassen. Die Verhältnisse an der Saar verschlimmern sich dadurch nur noch weiter zum Schaden der betroffenen Bevölkerung. Frankreich schaltet und waltet de facto als neuer Herrscher an der Saar. Die Proteste der angestammten

Bevölkerung werden auf Weisung der Franzosen in der Kommission in aller Regel dem zuständigen Völkerbund nicht einmal zugeleitet.2). Die Regierung in Paris verlegt gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrags 5.000 französische Soldaten in das Saargebiet.3) Die deutsche Beamtenschaft wird zum größten Teil ausgewiesen und durch französische ersetzt. Das gleiche passiert mit den deutschen Firmenleitungen in der Industrie und im Bergbau an der Saar. Doch 1935 sind die 15 Jahre Saarstatut zu Ende, und Frankreich muß die 1920 in Versailles festgelegte Volksabstimmung dulden. So ist die Tatsache der Volksabstimmung an der Saar kein Verdienst des Kanzlers Hitler.

In den Monaten vor der Abstimmung tobt ein heftiger Wahlkampf an der Saar, bei dem die französische Verwaltung vor Ort den Heimvorteil besitzt, und das Deutsche Reich dagegen keinen unmittelbaren Zutritt hat. Der Wahlkampf wird von französischer Seite bewußt gegen den Nationalsozialismus und die neuen Mißstände im Deutschen Reich geführt. Die Emotionen schlagen dabei hoch, und die Volksabstimmung droht, zu harten Auseinandersetzungen auszuarten. Da schlägt der deutsche Regierungschef Hitler der französischen Regierung vor, die Zukunft der Saar durch eine freundschaftliche Vereinbarung zwischen beiden Regierungen zu regeln und auf die Volksabstimmung zu verzichten.4) Sein Vorschlag lautet, das Saargebiet dem Deutschen Reiche wieder anzuschließen und durch einen Wirtschaftsvertrag zu regeln, daß die französische Industrie die saarländischen Bodenschätze, so ausbeuten dürfe wie bisher. Die französische Regierung lehnt den Vorschlag ab. Sie wertet ihn als Hitlers Eingeständnis der schlechten deutschen Chancen bei der Wahl.

Am 13. Januar 1935 wird unter der Aufsicht des Völkerbunds gewählt. 90,8 Prozent der Saarländer votieren für den Anschluß an das Deutsche Reich, 8,8 Prozent für die Selbständigkeit der Saar und 0,4 Prozent für den Anschluß an Frankreich. Diese Wahl außerhalb des deutschen Staatsgebiets hat ohne jeden Zweifel ohne deutsche Manipulationen und Pressionen stattgefunden. Und sie wirkt, dank des Wahlkampfthemas der Franzosen „Nationalsozialismus in Deutschland“ statt einer Entscheidung für Deutschland und gegen Frankreich wie eine breite Zustimmung zum neuen nationalen Sozialismus des deutschen Kanzlers Hitler. So bescheren die Franzosen Hitler einen innenpolitischen Triumph, der stärker nachwirkt als sie ahnen. Für Hitler wird der erste Anschluß nach der Niederlage von 1918 zugleich ein Plebiszit für die „Bewegung“.

Am 1. März 1935 geht die Hoheit über das Saargebiet wieder auf das Deutsche Reich über. Hitler gibt zu diesem Anlaß eine Regierungserklärung vor dem Reichstag ab, in der er feierlich auf den deutschen Anspruch auf Elsaß-Lothringen verzichtet und die durch die Heimkehr der Saar neugezogene Grenze zwischen Frankreich und Deutschland als endgültig anerkennt. Frankreich hat damit ein erstes Stück seiner Versailler Kriegsbeute auf legalem Weg verloren. Und Hitler hat – fast unverdienter Maßen – den ersten innenpolitischen Erfolg durch einen Anschluß eingefahren.

Quellen:

  1. Jacques Benoist-Méchin,“ Auf dem Weg zur Macht 1925-1939“, Band 3, Seite 257
  2. Francesco Nitti, „Die Tragödie Europas – und Amerika?“, Seite 115
  3. Versailler Vertrag, Teil III, Artikel 50, Anlage, § 30 war das Saargebiet frei von Militär zu halten
  4. Jacques Benoist-Méchin,“ Auf dem Weg zur Macht 1925-1939“, Band 3, Seite 259

 

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