GH Teil 2, 3/15 – 1924

vorlesen

 

Inhalt Teil 2 Teil 3 Teil 4

 

Utopische Reparationsforderungen erdrücken die deutsche Wirtschaft

„Als Reparationsschuld waren dem Reich im Jahre 1921 31,4 Milliarden Dollar (132 Milliarden Goldmark) zudiktiert worden. Diese utopische Summe sollte Deutschland bezahlen, weil der in seinem Deutschenhaß maßlose französische Ministerpräsident Raymond Poincare außer den eigentlichen Reparationen auch Frankreichs Kriegskosten und sogar Pensionen bezahlt wissen wollte“. 1)

Diese vorzeitige Gesamthöhe der Reparationszahlungen wurde am 5. Mai 1921 von den Alliierten auf der Londoner Schuldenkonferenz festgelegt.

Wie unrealistisch hoch diese Ansprüche waren, beschrieb der Autor Josef A. Kofler:

„Deutschland wurde gezwungen, 137 Milliarden Goldmark (Die Summe variierte im Laufe der Zeit) ‚Wiedergutmachung‘ zu bezahlen. Diese Forderungen waren das Vierfache des damaligen Goldbestandes der Welt. Sie waren das Vierunddreißigfache der Kontributionen von 1871, die Frankreich zahlen sollte  …  (Nach verlorenem Krieg gegen Deutschland)“ 2)

Im Versailler Vertrag war weder eine präzise Endsumme festgelegt worden noch ein Zeitraum, in welcher diese zu zahlen gewesen wäre. Die Alliierten konnten selbst darüber entscheiden, was zu der anfänglichen Forderung von 132 Milliarden Goldmark führte. Als die Weimarer Republik, wie schon 1919 vorauszusehen war, diesen haushohen Forderungen nicht nachkommen konnte, wurde unter englisch-nordamerikanischer Leitung im August 1924 der Dawes-Plan entwickelt. Er vermied die Angabe einer Endsumme und bestimmte als regelmäßige deutsche Jahreszahlung – abgesehen von den vier ersten Jahren – die ebenfalls viel zu hohe Summe von 2,5 Milliarden Goldmark. Als Pfand stellte er die Reichsbank und die neu gegründete Deutsche-Reichsbahn-Gesellschaft unter ausländische Überwachung und setzte dazu einen nordamerikanischen Generalbevollmächtigten in Berlin ein.

Nur mittels hoher Auslandsanleihen konnten die ersten Zahlungen des Dawes-Planes erfüllt werden. Deutschland – nach wie vor nicht zahlungsfähig – lieh sich das verlangte Geld bei US-Banken und zahlte seine Reparationen nun fünf Jahre lang mit immer neuen Schulden. Die deutschen Schulden bei den Alliierten wurden also von amerikanischen Banken bezahlt, was absurd war, da Zahlungen der Alliierten, circa in Höhe der deutschen Reparationen, etwa gleichzeitig an amerikanische Banken gingen, bei denen sich die Alliierten im Ersten Weltkrieg verschuldet hatten.

Der Dawes-Plan

Der Vertrag von Versailles nach dem Ersten Weltkrieg erlegte dem besiegten Deutschland eine große Reparationslast auf. Diese finanzielle Last – die eine wirkliche Ursache der deutschen Unzufriedenheit war, die dann zur Akzeptanz des Hitlersystems führte – machten sich die internationalen Bankiers zu ihrem eigenen Vorteil zunutze. Der Dawes-Plan, wie auch später der Young- Plan, schufen die Möglichkeit, gewinnbringende Anleihen für deutsche Kartelle in den Vereinigten Staaten aufzulegen. Beide Pläne wurden von denselben Zentralbankern realisiert, die auch in den Komitees saßen und dort ihre eigenen finanziellen Vorteile verfolgten. Obwohl diese Komitees formell gesehen nicht von der US-Regierung berufen wurden, billigte und förderte die Regierung diese Pläne.

Das Feilschen der Financiers und der Politiker in der Nachkriegszeit hatte die deutschen Reparationszahlungen auf 132 Milliarden Goldmark festgesetzt, zu zahlen in jährlichen Raten, die etwa einem Viertel des Gesamtexports Deutschlands im Jahre 1921 entsprachen. Als Deutschland nicht in der Lage war, diese erdrückenden Summen zu zahlen, besetzten Frankreich und Belgien das Ruhrgebiet, um sich mit Gewalt das zu holen, was nicht auf freiwilliger Basis zu holen war. 1924 beriefen die Alliierten ein Komitee von Bankiers, dessen Vorsitzender der amerikanische Bankier Charles G. Dawes wurde. Hier sollte ein Programm für die Reparationszahlungen entwickelt werden. Der daraus resultierende Dawes-Plan war laut Carroll Quigley, Universitätsprofessor für Internationale Beziehungen in Georgetown, „zum großen Teil ein J.P.-Morgan-Produkt.“ 3) Unter dem Dawes-Plan wurde eine Reihe ausländischer Darlehen mit einer Gesamtsumme von $ 800 Millionen aufgelegt, deren Erlöse nach Deutschland flössen. Diese Darlehen sind für unsere Geschichte von Bedeutung, da die Summen, die zum größten Teil in den USA von Dollarinvestoren aufgebracht wurden, Mitte der zwanziger Jahre dafür verwendet wurden, die gigantischen Chemie- und Stahlkombinate der IG Farben beziehungsweise der Vereinigten Stahlwerke zu schaffen und zu konsolidieren. Diese Kartelle verhalfen nicht nur Hitler 1933 zur Macht, sondern produzierten auch den Großteil der deutschen Schlüsselkriegsmaterialien, die im Zweiten Weltkrieg Verwendung fanden.

Zwischen 1924 und 1931 zahlte Deutschland unter dem Dawes- und dem Young-Plan etwa 36 Milliarden Mark an Reparationen an die Alliierten. Gleichzeitig lieh sich Deutschland im Ausland, vornehmlich in den USA, etwa 33 Milliarden Mark – und leistete somit eine Nettozahlung von nur drei Milliarden Mark an Reparationen. Folglich wurde die Last der deutschen Reparationszahlungen an die Alliierten eigentlich von ausländischen Käufern deutscher Pfandbriefe getragen, die wiederum von den Finanzhäusern der Wall Street ausgestellt wurden, mit natürlich bedeutenden Gewinnen für diese Finanzhäuser selbst. Und – das sollte vermerkt werden – diese Firmen gehörten denselben Financiers, die periodisch ihre Bankiershüte ablegten und neue anlegten, um „Staatsmänner“ zu werden. Als „Staatsmänner“ formulierten sie den Dawes- und den Young-Plan aus, um das „Problem“ der Reparationen zu „lösen“. Als Bankiers legten sie die Darlehen auf. Wie Carroll Quigley herausstellt:

„Erwähnenswert ist, daß dieses System von den internationalen Bankiers eingerichtet wurde und daß das folgende Leihen des Geldes anderer Leute an Deutschland sehr ertragreich für diese Bankiers war.“4)

Wer waren diese internationalen Bankiers aus New York, die die Reparationskommissionen bildeten?

Die Experten des Dawes-Plans von 1924 aus den USA waren der Bankier Charles Dawes und der Vertreter Morgans, Owen Young, der Präsident der General Electric Company war. Dawes war 1924 Vorsitzender des Expertenkomitees der Alliierten. 1929 wurde Owen Young Vorsitzender des Expertenkomitees und wurde von J.P. Morgan selbst unterstützt, mit den Stellvertretern T.W. Lamont, einem Partner Morgans, und T.N. Perkins, einem Bankier mit Verbindungen zu Morgan. Mit anderen Worten waren die US-Delegationen schlicht und einfach, wie Quigley herausgestellt hat, Delegationen J.P. Morgans, die mit Hilfe der Vollmacht und des Siegels der USA Finanzpläne vertraten, die zugleich zu ihrem eigenen finanziellen Vorteil waren. Infolgedessen „saßen die internationalen Bankiers im Himmel und wurden mit Gebühren und Aufträgen überschüttet“ 5), wie es Quigley ausdrückte.

Die deutschen Mitglieder des Expertenkomitees waren gleichermaßen interessant. 1924 war Hjalmar Schacht Präsident der Reichsbank und hatte eine wichtige Rolle bei der organisatorischen Arbeit für den Dawes-Plan; ebenso der deutsche Bankier Carl Melchior. Unter den deutschen Delegierten von 1928 befand sich A. Voegler vom deutschen Stahlkartell Vereinigte Stahl- werke. Kurz, die zwei bedeutenden Länder, die hier involviert waren (die USA und Deutschland), wurden auf der einen Seite durch die Morgan-Bankiers repräsentiert und durch Schacht und Voegler auf der anderen, wobei beide Schlüsselfiguren beim Aufstieg von Hitlerdeutschland und der nachfolgenden deutschen Aufrüstung waren.

Zuletzt waren die Mitglieder und Berater der Dawes- und Young-Kommissionen nicht nur mit den New Yorker Finanzhäusern verbunden, sondern auch – wie wir später sehen werden – Direktoren von Firmen innerhalb der deutschen Kartelle, die Hitler zur Macht verhalfen.

Der Young-Plan

Laut Hitlers Finanzgenie Hjalmar Horace Greeley Schacht (Bild links, 1877-1970) und dem Naziindustriellen Fritz Thyssen war es der Young-Plan von 1929 (der Nachfolgeplan des Dawes-Plan), der von dem Agenten Morgans, Owen D. Young, formuliert wurde, der Hitler 1933 an die Macht brachte. Fritz Thyssen behauptet:

„Ich wandte mich der Nationalsozialistischen Partei erst zu, nachdem ich überzeugt war, daß der Kampf gegen den Young-Plan unvermeidbar war, wenn der völlige Zusammenbruch Deutschlands verhindert werden sollte.“ 6)

Der Unterschied zwischen dem Young-Plan und dem Dawes-Plan bestand darin, daß der Young-Plan Geldzahlungen erforderte, während der Dawes- Plan Zahlungen in Gütern, die in Deutschland hergestellt und durch ausländische Darlehen finanziert wurden, erforderte. „Meiner Meinung nach schrieb Thyssen mußten die finanziellen Schulden, die so geschaffen wurden, die gesamte Wirtschaft des Reiches zerstören.“

Der Young-Plan war zugegebenermaßen eine Vorrichtung, die dazu bestimmt war, Deutschland mit amerikanischem Kapital zu besetzen und auf die realen Werte Deutschlands eine riesige Hypothek in den Vereinigten Staaten aufzunehmen. Es sollte festgehalten werden, daß deutsche Firmen mit Verbindungen zu amerikanischen Unternehmen den Plan durch die Konstruktion einer vorübergehenden ausländischen Eigentümerschaft umgingen. Beispielsweise fusionierte die AEG (die Allgemeine Deutsche Elektricitäts-Gesellschaft) mit der General Electric in den USA, wurde an eine französisch-belgische Beteiligungsgesellschaft verkauft und umging somit die Bedingungen des Young-Plans. Es sollte im Vorbeigehen auch festgehalten werden, daß Owen Young der große finanzielle Unterstützer Franklin D. Roosevelts bei dem Unternehmen United Europe war, als FDR als geklonter Wall-Street-Financier bestrebt war, einen Vorteil aus der deutschen Hyperinflation des Jahres 1923 zu ziehen. United Europe war gedacht als Vehikel für Spekulationen und Profite nach der Annahme des Dawes-Plans und ist ein eindeutiger Beweis dafür, daß private Financiers (inklusive Franklin D. Roosevelt) mit Hilfe der Macht des Staates ihre eigenen Interessen vorantrieben, indem sie die Außenpolitik manipulierten.

Schachts Parallelvorwurf, Owen Young sei verantwortlich für den Aufstieg Hitlers, der natürlich auch im eigenen Interesse gemacht wurde, ist in einem Bericht des US-Nachrichtendienstes dokumentiert, der das Verhör von Schacht im September 1945 wiedergibt:

„Die Annahme des Young-Plans und seiner finanziellen Prinzipien ließ die Zahl der Arbeitslosen immer weiter ansteigen, bis es etwa eine Million Arbeitslose gab. Die Menschen waren verzweifelt. Hitler sagte, er würde die Arbeitslosigkeit beseitigen. Die amtierende Regierung dieser Zeit war eine äußerst schlechte und die Lage des Volkes wurde immer schlimmer. Dies war eigentlich der Grund für den enormen Erfolg, den Hitler bei der Wahl zu verzeichnen hatte. Als die letzte Wahl kam, erhielt er etwa 40% der Stimmen.“ 7)

Hjalmar Horace Greeley Schacht

Jedoch ging der Gedanke der späteren Bank für Internationalen Zahlungsaus- gleich (Bank for International Settlements – BIZ) auf Schacht und nicht auf Owen Young zurück. Die tatsächlichen Einzelheiten wurden auf einer Konferenz unter dem Vorsitz von Jackson Reynolds, „einem der führenden New Yorker Bankiers“, zusammen mit Melvia Traylor von der First National Bank of Chicago, Sir Charles Addis, ehemals von der Hong Kong and Shanghai Banking Corporation, sowie verschiedenen französischen und deutschen Bankiers ausgearbeitet.8) Die BIZ war unter dem Young-Plan als Instrument zur Abwicklung der internationalen finanziellen Beziehungen notwendig geworden. Seinen eigenen Aussagen gemäß gab Schacht Owen Young auch die Idee, die später, nach dem Zweiten Weltkrieg, zur Internationalen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (International Bank for Reconstruction and Development) wurde:

„Eine Bank dieser Art erfordert die finanzielle Zusammenarbeit der Besiegten mit den Siegern, die zu einer Interessensgemeinschaft führt, die wiederum gegenseitiges Vertrauen und Verständnis entstehen läßt und somit den Frieden fördert und sichert.

Ich kann mich immer noch lebhaft an die Atmosphäre, in der dieses Gespräch stattfand, erinnern. Owen Young saß in seinem Sessel und rauchte seine Pfeife. Seine Beine waren ausgestreckt und sein scharfer Blick war unbeirrbar auf mich gerichtet. Wie es nun einmal meine Gewohnheit ist, wenn ich derartige Argumente unterbreite, ging ich ruhig den Raum auf und ab. Als ich mit meinen Vorschlägen fertig war, herrschte eine kurze Pause. Dann leuchtete sein gesamtes Gesicht auf, und sein Entschluß äußerte sich durch die folgenden Worte:“

‚Dr. Schacht, Sie haben mir eine wunderbare Idee unterbreitet und ich werde sie der Welt verkaufen.‘ 9)

Die im Dawes-Plan festgelegten Verpflichtungen erwiesen sich als eine für die Weimarer Republik nicht tragbare Belastung. Im Juni 1929 legte daher ein Sachverständigenausschuß unter Leitung von Owen Young einen neuen Zahlungsplan für Reparationen vor (Young-Plan), der dem deutschen Wunsch nach Senkung der Schuldenlast minimal, aber nicht ausreichend entgegenkam. Die Reparationssumme wurde nun auf 112 Milliarden Reichsmark mit einer Laufzeit bis 1988 festgelegt. Die durchschnittliche Jahresrate betrug 2 Milliarden Reichsmark. Das war zwar eine Senkung der Forderungen, doch weit weniger als sich die Deutschen erhofft hatten. Die deutsche Wirtschaft wurde so weiter erdrückt und der Widerstand gegen den Young-Plan wuchs. Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) sowie die NSDAP hatten deshalb leichtes Spiel, den Unmut in der Bevölkerung auszunutzen. Schließlich wurde ein ganzes Volk so für fast 60 Jahre zum Schuldenzahlen verdammt. Plakate  gegen den Young-Plan legten den Alliierten die Worte „Eure Kinder gehören uns“ in den Mund.

Hitlers Reichsbankchef Hjalmar Schacht bestätigte in einem Verhör der Nürnberger Prozesse, daß der Young-Plan für den Aufstieg Hitlers mitverantwortlich gewesen war: „Die Annahme des Young-Plans und seiner finanziellen Prinzipien ließ die Zahl der Arbeitslosen immer weiter ansteigen, bis es etwa eine Million Arbeitslose gab. Die Menschen waren verzweifelt. Hitler sagte, er würde die Arbeitslosigkeit beseitigen. Die amtierende Regierung dieser Zeit war eine äußerst schlechte, und die Lage des Volkes wurde immer schlimmer. Dies war eigentlich der Grund für den enormen Erfolg, den Hitler bei der Wahl zu verzeichnen hatte.“ 10)

Deutschland mußte sich bei amerikanischen Banken verschulden, um Reparationen an die Alliierten zu zahlen, die ebenfalls bei amerikanischen Banken verschuldet waren.

Quellen:
de.wikipedia.org, Dawes-Plan

  1. spiegel.de, Dawes-Anleihe: Etwas besseres gibt es nicht, 23.03.1960
  2. Josef A. Kofler: Die falsche Rolle mit Deutschland, S. 13
  3. None Dare Call it Conspiracy. Rossmoor, Concord Press, 1971. Für eine andere Perspektive, die auf Insider-Dokumenten beruht, S. Carroll Quigley, Tragedy and Hope, The Macmillan Company, New York 1966; dt. Teilausgabe unter dem Titel Katastrophe und Hoffnung bei Perseus Verlag, Basel, 2007.
  4. Ebda., S. 308.
  5. Ebda., S. 309.
  6. Fritz Thyssen, I Paid Hitler, Farra & Rinehart, New York, S. 88.
  7. US Group Control Council (Germany), Office of the Director of Intelligence, Intelligence Report No. EF/ME/1, 4 September 1945. Siehe auch Hjalmar Schacht, „Confessions of the old Wizard“, Houghton Mifflin, Boston 1956. (Dt: 76 Jahre meines Lebens, Bad Wörrishofen 1953.)
  8. Hjalmar Schacht, a.a.O., S. 18. Fritz Thyssen fügt hinzu, „Damals sagte mir Mr. Dillon, ein New Yorker Banker jüdischer Herkunft, den ich sehr bewunderte: «An Ihrer Stelle würde ich nicht unterzeichnen.“
  9. Ebda.; S. 232.
  10. Anthony C. Sutton, Wallstreet und der Aufstieg Hitlers, S.28

 

Theme BCF von aThemeArt – stolz präsentiert von WordPress.
NACH OBEN