GH 2, 13/15 – Die letzte Woche vor dem Krieg – 1

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Die letzte Woche vor dem Krieg

Adolf Hitler ist entschlossen, die offene Danzig-Frage, das Problem der Verkehrsanbindung Ostpreußens an das Reich und den Minderheitenschutz für die Deutschen in Polen noch vor dem Winter auf dem Verhandlungswege oder – wenn das nicht möglich ist – mit einem Krieg zu lösen. Die Generalität hat zwar bisher mehrmals gewarnt, daß ein Krieg mit Polen auch Krieg mit England, mit Frankreich und bei längerer Dauer auch den Krieg mit den USA nach sich ziehen werde, und daß ein Zweifrontenkrieg von der Wehrmacht nicht zu gewinnen sei. Aber sie hat auch beraten, daß militärische Operationen, wenn es denn zum Kriege kommen sollte, aufgrund der Klima- und Wetterdaten nicht nach dem 2. September begonnen werden dürften.271 Die Straßen- und Wegeverhältnisse würden für das Heer und das Flugwetter für die Luftwaffe danach in Osteuropa bald zu schwierig werden. So ist Hitlers Entscheidung nicht frei vom Einfluß dieses Datums.

 

 

Mittwoch 23. August 1939 – Neun Tage vor dem Kriegsausbruch.

Die Sensation der Morgenpresse weltweit ist die Nachricht vom Flug des deutschen Außenministers von Ribbentrop nach Moskau. Es heißt, die deutsche Reichsregierung und die Regierung der Sowjetunion seien übereingekommen, einen Nichtangriffspakt zu schließen. Premierminister Chamberlain, der kurz zuvor vom Scheitern der englischen Bemühungen in Moskau und von Stalins Schwenk erfahren hat, schickt sofort Botschafter Henderson mit einem Brief zu Hitler. Hitler versichert Henderson zunächst seine persönliche Wertschätzung, beklagt sich aber dann über Englands Haltung gegenüber Deutschland in der Danzig-Frage:

„Deutschland habe Polen ein anständiges und faires Angebot gemacht:“ 1) „Er (Hitler) sehe keine Möglichkeit auf dem Verhandlungswege, weil er überzeugt sei, daß der Britischen Regierung gar nichts an einer solchen Regelung liege.“

Henderson entgegnet: „daß das deutsche Angebot zwar erfolgt sei, doch habe es den Charaktereines Diktats gehabt.“Hitler kommt zum Grundsätzlichen und bedauert, daß England sich ihm, „der er selbst der größte Freund Englands sein wollte, zum Feinde macht“. Er betont, „daß Deutschland niemals etwas zum Schaden Englands unternommen habe, trotzdem stelle sich England gegen Deutschland.“

Und in Bezug auf Danzig und auf Polen, „daß England den Standpunkt einnehme: lieber Krieg als etwas zum Vorteil Deutschlands.“

Hendersons Antwort stellt die Dinge britisch dar: „man habe sich nur gegen den Grundsatz der Gewalt gestellt.“

Hitler droht,

„daß er bei dem geringsten polnischen Versuch, noch weiterhin gegen Deutsche oder gegen Danzig vorzugehen, sofort eingreifen werde.“ … „Bei der nächsten polnischen Provokation werde ich handeln.“

Da Tätlichkeiten gegen Deutsche in Polen an der Tagesordnung sind und Zwischenfälle an Danzigs Grenzen keine Seltenheit, sagt Hitler damit, daß Deutschland auf dem Sprung ist, Polen anzugreifen. Damit ist dies Gespräch beendet. Hitler hat Botschafter Henderson klargemacht, daß er England die Schuld dafür gibt, daß Verhandlungen mit Polen inzwischen zwecklos sind. Und Henderson hat versucht, Hitler klarzumachen, daß Krieg mit Polen Krieg mit Großbritannien nach sich zieht, auch wenn die Sowjetunion nun nicht mehr auf der Seite Englands steht.

Chamberlains Brief, den Henderson an Hitler übergibt, stellt noch einmal Englands Bündnistreue gegenüber Polen in den Vordergrund, doch er enthält auch zwei Angebote.273 Das erste ist ein Spiel auf Zeit mit wenig Sinn für die Dramatik jener Krise. Chamberlain schlägt vor, die Verhandlungen mit Polen so lange auszusetzen, bis sich das deutsch-polnische Verhältnis abgekühlt und beruhigt hat. Das zweite Angebot muß Hitler locken. Der britische Premier stellt spätere Verhandlungen in Aussicht, die parallel zur Danzig-Frage „gleichzeitig die großen zukünftigen internationalen Beziehungen regeln könnten, einschließlich derer, die England und Deutschland interessieren“. Das ist verklausuliert das Angebot, mit der Regelung der Polen-Sache auch das deutsch-englische Verhältnis neu zu arrangieren. Das ist es, was Hitler seit seinem Amtsantritt versucht.

Des weiteren enthält Chamberlains Brief die sehr direkte Warnung, daß ein Krieg zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich ein langer Krieg mit vielen Fronten werde. Tragisch für das deutsche Volk und viele andere Völker ist, daß Hitler die Dimension der Warnung und ihre Konsequenzen nicht erkennt. Großbritannien will und wird den Krieg um eine einzige Ostsee-Hansestadt zum Weltkrieg machen. Es wird die Dominions von Australien über Indien bis Kanada aufbieten, die alte Waffenbrüderschaft zu den USA reaktivieren und den Krieg an Deutschlands weite Flanken tragen, von Norwegen in Nord- bis Griechenland in Südeuropa.

Hitler hat es eilig mit der Antwort. Schon um 18:00 Uhr des gleichen Tages überreicht er Henderson den Antwortbrief an Chamberlain. 2) Er betont den Wunsch nach Freundschaft mit Großbritannien, beklagt sich über Polen und rollt den Ball mit einem Hinweis auf die Verantwortung für Versailles zurück nach England.

„Deutschland“, so schreibt Hitler, „hat niemals Konflikte mit England gesucht und sich nie in englische Interessen eingemischt. Es hat sich im Gegenteil – wenn auch leider vergebens – jahrelang bemüht, die englische Freundschaft zu erwerben.“

Soweit Hitlers Antwort auf das Angebot umfassender Verhandlungen. Er wendet sich dann Polen zu und setzt fort:

„Deutschland war bereit, die Frage Danzig und die des Korridors durch einen wahrhaft einmalig großzügigen Vorschlag auf dem Wege von Verhandlungen zu lösen.“

England habe, so argumentiert er, dieses Angebot durch Stimmungsmache gegen Deutschland und durch die Garantieerklärung an die Polen sabotiert. Deutschland werde Druck und Ultimaten auf die deutsche Minderheit in Polen und gegen die Stadt Danzig nicht mehr weiter dulden.

Unabhängig davon müssen und werden die Fragen des Korridors und von Danzig ihre Lösung finden.“

Der Brief endet mit den Sätzen:

„Die Frage der Behandlung der europäischen Probleme im friedlichen Sinn kann nicht von Deutschland entschieden werden, sondern in erster Linie von jenen, die sich seit dem Verbrechen des Versailler Diktats jeder friedlichen Revision beharrlich und konsequent widersetzt haben. … Ich habe Zeit meines Lebens für eine deutsch-englische Freundschaft gekämpft, bin aber durch das Verhalten der britischen Diplomatie – wenigstens bisher – von der Zwecklosigkeit eines solchen Versuchs überzeugt worden. Wenn sich dies in der Zukunft ändern würde, könnte niemand glücklicher sein als ich.
gez. Adolf Hitler“

Dieser erste Notenaustausch in der letzten Woche vor dem Krieg läßt noch auf Verständigung hoffen. Beide Regierungschefs versichern sich, daß sie Krieg vermeiden wollen. Doch beide verfolgen jeder für sich eine Doppelstrategie, die in sich widersprüchlich ist. Chamberlain will die Lösung der anstehenden Probleme nur auf dem Verhandlungswege dulden, doch den hat er mit seinem Garantieversprechen an die Polen de facto selbst versperrt. Und Hitler will sowohl eine Annäherung an England als auch in der Danzig-Frage nicht weiter auf der Stelle treten. Auch das ist kaum vereinbar.

Hitler steht vor dem „entweder – oder“ und er bereitet beides vor: Verhandlungen und Krieg. Am Nachmittag des 23. August läßt er den Wehrmachtsadjutanten Oberst Rudolf Schmundt kommen und befiehlt ihm, das Oberkommando der Wehrmacht solle den Angriff auf Polen für den 26. August um 4:30 Uhr früh vorbereiten.3) Nach dem Brief an Chamberlain und der Unterredung mit Schmundt sendet Hitler noch ein Telegramm an Daladier, den französischen Ministerpräsidenten. Er führt darin unter anderem aus:

„Ich hege keinerlei Feindschaft gegen Frankreich. Ich habe persönlich auf Elsaß-Lothringen verzichtet, und ich habe die deutsch-französische Grenze anerkannt. Ich will keinen Konflikt mit Ihrem Lande, und ich wünsche nur gute Beziehungen zu ihm zu unterhalten. Daher ist der Gedanke, daß ich wegen Polen Frankreich bekämpfen müßte, sehr hart für mich. Nun, die polnischen Herausforderungen haben für das Reich eine Lage herbeigeführt, die nicht andauern kann. … Ich werde Frankreich nicht angreifen. Doch wenn es an dem Konflikt teilnimmt, werde ich bis ans Ende gehen.“ 4)

Daladiers Antwort geht am 27. August bei Hitler ein. Zum 23. August gehören noch Außenminister von Ribbentrops Moskauer Verhandlungen mit Stalin und Außenminister Molotow und von Ribbentrops Telefonanruf bei Hitler, in dem er sich grünes Licht für das „Geheime Zusatzprotokoll“ holt. Es wird späte Nacht, ehe der Deutsch-Sowjetische Nichtangriffspakt die Unterschriften beider Seiten trägt.

Quellen:

1) Gesprächsniederschrift Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Serie D, Band VII, Dokument 200.
2)
Ebenda, Dokument 201
3)
Nicolaus von von Below, „Als Hitlers Adjutant“, Pour le Merite Verlag, Selent, 1980 , Seite 182
4)
Georges Bonnet, „Vor der Katastrophe, 1938-1939“, Greven Verlag, Köln, 1951, Seite 274

 

 

Donnerstag 24. August 1939 – Acht Tage vor dem Kriegsausbruch.

Um 2:00 Uhr morgens meldet von Ribbentrop am Telefon aus Moskau dem „Führer“ die Unterzeichnung des Vertrags.1) Hitler schöpft nun wieder Hoffnung, daß

England seine Rolle bei der Unterstützung Polens angesichts der neuen Lage überdenkt, und daß auch Polen eher bereit sein wird, wegen Danzig zu verhandeln. 2) So wie es in England und Frankreich auf der einen Seite Kräfte gibt, die ein Einlenken der polnischen Regierung begrüßen würden, und andere, die es bevorzugen, die deutsche Machterweiterung durch einen Krieg zu stoppen, so gibt es auch in Deutschland in Hitlers Nähe sowohl Männer, die einen Krieg verhindern wollen, als auch solche, die auf eine Abrechnung mit den Polen drängen. In Berlin ist es ausgerechnet der Außenminister, der offensichtlich bereit ist, die kriegerische Lösung zu riskieren, von Ribbentrop. Ihm entgegen arbeiten sein Staatssekretär von Weizsäcker und der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Marschall Göring. Der Marschall, zugleich Luftfahrtminister und Reichstagspräsident, hat in den Funktionen den gleichen Zugang zum „Führer“ wie von Ribbentrop.

Als Göring die Briefe Chamberlains und Hitlers liest, schöpft er Hoffnung auf einen Ausweg aus der inzwischen deutsch-englischen Auseinandersetzung um die Danzig-Polen-Frage. Er sieht eine reale Chance, den Krieg als Ausgang dieser Krise zu verhindern. Doch Göring sieht auch, daß von Ribbentrop Hitler eher zum Kriege drängt, als daß er bremst. So versucht Göring den Außenminister zu umgehen. Er nutzt dazu Gesprächskontakte, die er selbst nach England hat, und den schwedischen Mittelsmann, der am 8. August versucht hatte, eine englischdeutsch- italienisch-französische Krisenkonferenz zu arrangieren, den Industriellen Dahlerus.

Der Marschall ruft den Schweden nach Berlin, legt ihm die inzwischen eingetretene Bedrohlichkeit der Lage dar, bedauert, daß die von ihm vorgeschlagene Vier-Mächte-Konferenz nicht zustande gekommen ist, und bittet ihn, am Folgetag nach London zu fliegen und der englischen Regierung zu übermitteln, daß die deutsche Reichsregierung zu einer deutsch-britischen Verständigung zu kommen wünsche. Göring beteuert, daß er den ganzen Einfluß, den er in der Regierung habe, dazu einsetzen werde, daß eine solche Verständigung gelingt.3)

In London hält Premier Chamberlain derweilen eine Rede vor dem Unterhaus.4) Er bestätigt erneut die Bündnistreue der Briten zu den Polen. Er beklagt, daß die deutsche Reichsregierung, statt in Ruhe den Zollinspektorenstreit in Danzig zu erörtern, statt über das Schicksal der deutschen Minderheit in Polen und statt über alle anderen Differenzen zu verhandeln, nun kompromißlos Danzig fordert, während „man in Polen bereit war und allzeit bereit ist, die Differenzen mit Deutschland zu diskutieren.“

Chamberlain weist außerdem das Ansinnen Hitlers, Osteuropa als deutsche Interessensphäre anzuerkennen, mit dem Hinweis von sich, England stehe für die Freiheit und die Unabhängigkeit der Völker.

Die Rede ist aus britischem Selbstverständnis genauso nachvollziehbar, wie sie aus damaliger deutscher Sicht scheinheilig wirkt. Polen ist in der Danzig-Sache inzwischen genauso kompromißlos wie das Deutsche Reich. Und Großbritannien hält sich in „Middle East Asia“ und in Afrika selbst seine Interessensphären. Es schert sich wenig um die Freiheit und Unabhängigkeit der kolonial gehaltenen Völker von Indien bis Nigeria. Dennoch, die Rede baut keine neue Hürden auf.

Botschafter Henderson beurteilt das Verhalten der polnischen Regierung offensichtlich anders als sein Regierungschef in London. Am späten Vormittag meldet er per Telegramm ans Foreign Office, was er für das Ergebnis seiner letzten zwei Gepräche mit dem deutschen Kanzler hält:

„Mit dem Vertrag mit Rußland in der Hand“, so Henderson, „liegt die Initiative nun bei Hitler. Ich erwarte jetzt ein Ultimatum an Polen. Jetzt ist mit Hitler kaum noch zu verhandeln. … Es war niederschmetternd, weil ich von Anfang der Meinung war, daß die Polen äußerst dumm und nicht weise gehandelt haben. So ist es nun. Vielleicht glaubt die Vorsehung, daß wir erst durch einen Krieg lernen müssen, so etwas nicht wieder zu tun. 5)

Gegen Mittag wird Hitler eine Meldung des Reichspressechefs auf den Tisch gelegt, wonach noch heute mit der Unterzeichnung eines englisch-polnischen Beistandsvertrags zu rechnen sei. Damit zerstört sich vorerst Hitlers Hoffnung, daß der deutsch-sowjetische Vertragsabschluß von letzter Nacht die Briten dazu bewegen könnte, den Polen anzuraten, in der Danzig-Frage einzulenken.6) Er läßt General Keitel, den Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, kommen und fragt ihn, ob man den Angriff gegen Polen noch anhalten und verschieben könne.7) Er müsse – so Hitler – „Zeit für weitere Verhandlungen gewinnen“. Die Sofortanfrage beim Heer bestätigt, daß das möglich ist, und Hitler ordnet an, den Angriff auf einen unbekannten Zeitpunkt zu verschieben. Der „Führer“ bevorzugt an diesem Tage, dem 24. August, offensichtlich noch immer eine „Lösung ohne Blutvergießen“.

Während des ganzen Tages tauschen die Regierungen in London und Warschau rege Informationen aus. Englands Botschafter in Warschau Sir Howard Kennard telegraphiert nach London, daß die deutschen Klagen über angebliche Mißhandlungen von Minderheitenangehörigen Entstellungen von Tatsachen seien und Übertreibungen. 8) So seien nicht 76.000 Deutsche illegal aus Polen geflohen, sondern höchstens 17.000. Und Kennard beklagt sich über die sehr hohe Zahl an Übergriffen gegen Angehörige der polnischen Minderheit in Deutschland. Wieweit man der Kennard-Darstellung in London angesichts der früheren Unterhausdebatten über die Terrorisierung der ukrainischen und der deutschen Minderheit im neuen Polen Glauben schenkt, ist nicht ersichtlich.

In Paris bemüht man sich inzwischen auf die eigene Art um Frieden.

„Die französische Regierung empfiehlt nachdrücklichst der polnischen, sich vor jeder militärischen Reaktion zu hüten und mit einer diplomatischen Aktion zu antworten, wenn der Danziger Senat von sich aus den Anschluß Danzigs an das Deutsche Reich erklären sollte.“ 9)

Was wundert, ist, daß Frankreich diesen „Selbstanschluß“ nicht als Idee und Kompromiß in die deutsch-englisch-polnische Debatte wirft. Es wirkt vielmehr so, als ob die französische Regierung in dieser hochangespannten Lage lieber wartet, bis Deutschland selbst nach Danzig greift und die Schuld am Kriege übernimmt.

In Washington bleibt alles bei Roosevelts Politik der Quarantäne gegen Deutschland, obwohl der „Hitler-Stalin-Pakt“ von letzter Nacht die Lage Polens mit einem Schlag verändert hat. Am frühen Morgen dieses Tages verrät der deutsche Diplomat Hans Herwarth von Bittenfeld in Moskau einem amerikanischen Kollegen den Inhalt des gerade einmal sechs Stunden alten geheimen Zusatzabkommens, das Osteuropa in eine russische Interessensphäre und eine deutsche teilt. Die Trennungslinie teilt auch Polen. Mittags um 12:00 Uhr kabelt Botschafter Laurence Steinhardt den Inhalt des Geheimen Zusatzprotokolls an das Außenministerium in Washington.10)

Nur wenig später kennen Präsident Roosevelt und sein Außenminister Hull die heiße Nachricht und damit auch die Gefahr, die Polen ab sofort von Rußland droht. Sowohl Roosevelt als auch Hull unternehmen nichts, um Warschau, London und Paris zu warnen. Statt dessen schickt der Präsident am Abend eine Botschaft an die Regierungen in Warschau und Berlin, man möge eine Lösung der deutsch-polnischen Probleme auf friedlichem Verhandlungswege finden. Eine Warnung noch am gleichen Tage hätte die Polen vielleicht dazu bewegen können, Hitlers Vorschlag vom 28. April zu akzeptieren. Das letzte Hitler-Angebot war ein Freihafen und Wirtschaftsprivilegien in Danzig, die Anerkennung der polnischen Gebietsgewinne von 1920 in Posen, Westpreußen und Südost-Oberschlesien und ein Friedensvertrag für 25 Jahre gegen exterritoriale Wege durch den Korridor und Danzig, das ohnehin nicht polnisch, sondern immer noch Mandatsgebiet des Völkerbundes ist. Eine Warnung an die Briten hätte den Garantievertrag für Polen, der an diesem Tag geschlossen wird, vielleicht verhindert. Doch für Roosevelt ist wichtig, daß Hitler sich im Danzig- Streit verfängt und offensichtlich von geringerer Bedeutung, ob Polen überlebt. Roosevelt schweigt, wie er das auch zwei Jahre später vor dem Überfall auf Pearl Harbor tut.

Polens Beitrag dieses Tages ist, daß es am Vormittag um 11:00 Uhr die Außengrenzen Danzigs schließt. Die dadurch bald erzeugten Versorgungsschwierigkeiten in der Stadt tragen dazu bei, die Stimmung der Danziger für einen schnellen Anschluß weiter anzuheizen.

Quellen:

1) Below, Seite 183
2) Weizsäcker Erinnerungen, Seite 253
3)
Paul Rassinier, „Die Jahrhundertprovokation“, , Seite 277
4)
British War Bluebook, Document 64
5)
Documents Brit. Foreign Policity, Third Series, Volume VII, Document 257
6)
Weizsäcker Erinnerungen, Seite 254
7)
Keitel, Seiten 248 f
8)
British War Bluebook, Document 52
9)
Bonnet, Seite 273 und Französisches Gelbbuch, Aktenstück 222
10)
Bavendamm, Roosevelts Weg zum Krieg, Seite 592, und Paul Rassinier, „Die Jahrhundertprovokation“, , Seite 340. Eine Faksimile des Steinhardt-Telegramms enthält Maser, Seiten 63 und 64

 

 

Freitag 25. August 1939 – Sieben Tage vor dem Kriegsausbruch.

Hitler hofft noch immer, daß die polnische Regierung in letzter Stunde einlenkt. Er hat den Angriff der Wehrmacht gegen Polen nach wie vor auf unbestimmte Zeit verschoben. Gegen 8:00 Uhr startet der schwedische Vermittler Dahlerus in Marschall Görings Auftrag mit einer Sondermaschine von Berlin-Tempelhof nach London. Nachmittags gelingt es ihm, zu Außenminister Halifax vorzudringen und Görings Botschaft zu überbringen.

In Berlin jagt inzwischen eine Nachricht die andere, alle für den „Führer“ nicht gerade angenehm. Als erstes flattern ihm die Nachtmeldungen von den deutschpolnischen Grenzen auf den Tisch.1) Es sind die Berichte von den Zusammenstößen und Handstreichaktionen beider Seiten. Noch immer werden deutsche Bauernhöfe auf der polnischen Seite der Grenze abgebrannt. Deutsche Stoßtrupps vergelten die Brandstiftungen noch in gleicher Nacht auf der Gegenseite. Auch der Flüchtlingsstrom hält weiter an. Polnische Grenztruppen versuchen, die deutschen Flüchtlingsgruppen mit Gewehr- und MG-Feuer von der Grenze wegzutreiben. Deutsche Infanterie dringt auf polnisches Territorium vor und bemüht sich, die Flüchtenden freizukämpfen. Trotzdem sind in der vergangenen Nacht acht Menschen auf der Flucht erschossen worden. Überdies ist wieder ein ziviles Passagierflugzeug auf dem Weg nach Königsberg über der Ostsee von polnischen Flak-Geschützen beschossen worden. Hitler ist empört. Er schreibt spontan an Mussolini und versucht, sich – ohne dies klar anzusprechen – dessen Unterstützung im Streit mit Polen zu versichern:

„Das Verhältnis Deutschlands zu Polen“, so Hitler „ist nicht durch das Verschulden des Reichs, sondern wesentlich durch das Zutun Englands seit dem Frühjahr unbefriedigend gewesen und war in den letzten Wochen einfach unerträglich. Die Nachrichten über die Verfolgung der Deutschen in diesem Gebiet sind nicht erfundene Pressemeldungen, sondern nur ein Bruchteil einer erschütternden Wahrheit. … Die Behauptung der polnischen Regierung, daß sie für die unmenschlichen Vorgänge, für die zahlreichen Grenzzwischenfälle (heute nacht allein 21 polnische Grenzübergriffe), für die Beschießung deutscher Verkehrsflugzeuge … nicht verantwortlich sei, beweist nur, daß sie die von ihr aufgeputschte Soldateska nicht mehr in der Hand hat. … Niemand kann unter diesen Umständen voraussagen, was die nächste Stunde bringt. …“ 2)

Kaum daß der Brief an Mussolini abgegangen ist, erreicht Hitler ein Vorabbericht der deutschen Botschaft London.3) Es sind die Auswertung der zwei Reden von Chamberlain und Halifax vor dem Unter- und dem Oberhaus vom Tag zuvor, ein Bild der öffentlichen Meinung, die erste Auswertung der Morgenpresse und die Bestätigung der Unterzeichnung des Englisch-Polnischen Beistandspaktes. Hitler erfährt durch den Bericht, daß das englische Volk nach Beurteilung der Botschaft offensichtlich geschlossen hinter der Regierung steht und daß die Parteien von links bis rechts und auch die Presse die Garantie für Polen für einen „nicht mehr diskutierbaren Punkt der Ehre halten“. Der Bericht hebt allerdings hervor, daß Chamberlain und Halifax in beiden Reden alles vermieden haben, was die gegenwärtige Lage noch verschärfen könnte. Diese Bewertung aus London macht Hitlers bisherige Zuversicht, England könnte Polen zum Schluß doch fallen lassen, schwankend.

Die Aussicht, wegen Danzig und der Transitwege in einen Krieg mit England zu geraten, widerspricht allen Zusicherungen Hitlers an die Generalität, dies werde er schon zu verhindern wissen. Es verträgt sich auch nicht mit seinen strategischen Vorstellungen von einer zukünftigen deutsch-britischen Zusammenarbeit und Freundschaft. So beschließt Hitler noch am Vormittag des 25. August, den Angriff gegen Polen weiter aufzuschieben und England erneut ein Angebot zu machen. Er läßt den ursprünglich für morgen vorgesehenen Angriff nochmals auf unbestimmte Zeit verschieben.4) Die Begründung gegenüber Wilhelm Keitel ist wie am Tag zuvor: „Ich brauche Zeit zum Verhandeln“. Dann bestellt er den englischen Botschafter Henderson zu sich in die Reichskanzlei.

Um 13:30 Uhr stehen sich die beiden Männer gegenüber. Hitler spricht – nach Hendersons Gesprächsnotiz – „mit ernster Stimme und mit allen Anzeichen der Aufrichtigkeit“.5) Er knüpft an das letzte Gespräch an, in dem Henderson die Hoffnung auf eine deutsch-britische Verständigung geäußert hatte und stellt ein großes, umfassendes Bündnis mit England in Aussicht, wenn erst einmal das deutsch-polnische Problem gelöst sei.6) Hitler klagt dann über die 21 Grenzzwischenfälle der letzten Nacht und versichert, er werde solche „mazedonischen Zustände“ an Deutschlands Ostgrenze in Zukunft nicht mehr dulden. Er bedauert, wenn es bei diesem Streit mit Polen Krieg mit England gäbe. Sofort nach der Lösung der deutsch-polnischen Frage werde er der britischen Regierung ein Vertragsangebot unterbreiten, in dem er den Besitzstand des Britischen Empires garantiere, deutsche Hilfe zusichere, wo immer eine derartige Hilfe benötigt werde, in dem er die Endgültigkeit der deutschen Westgrenze ein weiteres Mal bestätige, und in dem er begrenzte koloniale Forderungen friedlich auszuhandeln wünsche. In der Sache, um die es hier geht, bleibt Hitler hart. Er sagt:

„Das Problem Danzig und Korridor muß gelöst werden. “ Und er legt nach: „ Wenn die britische Regierung diese Gedanken erwägen würde, so könnte sich daraus ein Segen für Deutschland und auch für das Britische Weltreich ergeben. Wenn sie diese Gedanken ablehnt, wird es Krieg geben.“

Henderson beharrt auf Englands Bündnis mit den Polen und erwidert, das deutsche Bündnisangebot könne erst in Betracht gezogen werden, nachdem die polnische Frage auf dem Verhandlungswege gelöst worden sei. Hitler kontert, daß er seit sechs Monaten versuche, die Danzig-Frage in Gesprächen mit der polnischen Regierung zu klären, daß er Außenminister Beck dazu mehrmals eingeladen und daß der stets abgesagt habe.

Nachdem Henderson gegangen ist, beschleichen Hitler offensichtlich Zweifel, daß er den Engländer hat überzeugen können. Er bringt seine Anliegen noch einmal in sechs Punkten zu Papier und schickt sie Henderson unverzüglich in die Botschaft nach. In Punkt zwei der Liste schlägt Hitler einen Ton an, der so bisher gefehlt hat. Er bittet, daß Großbritannien bei der Rückgewinnung Danzigs und des Korridors behilflich ist.7) Damit ist der Ball bei England, das nun vermitteln könnte oder Polen drängen, auf die moderaten deutschen Forderungen einzugehen.

Die Zweifel, die Hitler an diesem Tag beschleichen, betreffen nicht nur die Haltung Englands. Italien hat inzwischen in mehreren Noten scheibchenweise mitgeteilt, daß es sich an einem Kriege Deutschlands gegen Polen nicht beteiligen werde. Hitler hatte zunächst einkalkuliert, daß Italien Polens Verbündeten Frankreich würde binden können. An diesem Vormittag wird dem „Führer“ endgültig bewußt, daß mit Italien in dieser Hinsicht nun nicht mehr zu rechnen ist. Hitler kennt die italienisch-französischen Informationskanäle und die französisch-britischen, und er weiß, daß man in London genauso schnell von der italienischen Abfuhr an Deutschland erfährt wie in Berlin. Hitler hat wieder einen Trumpf verloren und England einen zugewonnen. Ein Grund weniger für die englische Regierung, der polnischen ein Einlenken in der Danzig-Frage zu empfehlen. So wird die Angriffsoption für Hitler wieder wahrscheinlicher als die Verhandlungslösung. Er bestellt die Generale von Brauchitsch, Keitel und Halder in die Reichskanzlei und entscheidet gegen 15:00 Uhr, daß Polen am 31. August angegriffen wird, wenn es bis dahin keine andere Lösung gibt.8) Die endgültige Entscheidung wird deshalb auch erst für den 30. August um 17:00 Uhr anberaumt. Hitler braucht einerseits Zeit zum Verhandeln und darf andererseits den 2. September als militärisch letztmöglichen Angriffstag nicht aus den Augen verlieren. Die Zeit wird knapp.

Um 17:30 Uhr läßt sich der französische Botschafter Robert Coulondre bei Hitler melden. Hitler, von den Nachrichten des Tages noch sehr angespannt, geht auf Coulondre zu und eröffnet das Gespräch:

„Angesichts des Ernstes der Lage will ich Ihnen eine Erklärung abgeben, die ich Sie bitte, Herrn Daladier9) zu übermitteln. Wie ich ihm schon gesagt habe, hege ich keine feindseligen Gefühle gegen Frankreich. Ich habe persönlich auf Elsaß-Lothringen verzichtet und die deutsch-französische Grenze anerkannt. Ich will keinen Konflikt mit ihrem Land. … Infolgedessen ist mir der Gedanke, daß ich Polens wegen mit Frankreich kämpfen müßte, außerordentlich schmerzlich. Die polnischen Herausforderungen haben jedoch eine Lage für das Reich geschaffen, die nicht länger andauern kann. Ich habe vor mehreren Monaten Polen, als ich die Rückkehr Danzigs und einen schmalen Gebietsstreifen als Verbindung dieser Stadt mit Ostpreußenforderte, außerordentlich vernünftige Vorschläge gemacht. … Die polnische Regierung hat nicht nur meine Vorschläge zurückgewiesen, sondern sie hat auch die deutschen Minderheiten auf das Schlimmste mißhandelt. … Frankreich würde so etwas genausowenig dulden wie Deutschland. Diese Dinge haben lange genug gedauert, und auf neue Herausforderungen werde ich mit Gewalt antworten. Ich lege Wert darauf, es nochmals auszusprechen: Ich wünsche, einen Konflikt mit Ihrem Lande zu vermeiden. Ich werde Frankreich nicht angreifen, aber wenn es in den Konflikt eingreift, so werde ich bis zum Ende gehen. … Sagen Sie das, bitte, Herrn Daladier von mir.“ 10)

Botschafter Coulondre erwidert:

„Jetzt, da jedes Mißverständnis behoben ist, lege ich Wert darauf, Ihnen mein Ehrenwort als Soldat zu geben, daß Frankreich Polen, falls es angegriffen würde, mit seinen Streitkräften zur Seite stehen wird. Ich kann Ihnen aber gleichfalls mein Ehrenwort geben, daß die Regierung der Französischen Republik bis zum letzten Augenblick alles tun wird, was in ihrer Macht steht, um den Frieden zu bewahren. Sie wird es der polnischen Regierung an Mahnungen zur Vorsicht nicht fehlen lassen.“ 11)

Hitler entgegnet heftig:

„Warum, ja warum haben Sie Polen dann einen Blankoscheck gegeben?“

Nun rückt der Franzose mit dem eigentlichen Grund für den Krieg heraus, an dessen Schwelle die Welt in diesen Tagen steht:

„Das ist das Ergebnis der Ereignisse des vergangenen 15. März. Die Besetzung Prags hat einen tiefen Eindruck auf die Gemüter in Frankreich gemacht. Sie hat allenthalben ein Gefühl der Unsicherheit hervorgerufen, wodurch Frankreich veranlaßt wurde, seine Bündnisse fester zu knüpfen.“ 12)

Hitler mußte hier – und eigentlich schon lange – erkennen, daß ihm nun die Rechnung für die unrechtmäßige Besetzung der Rest-Tschechei vorgelegt wird.

Auf der Rechnung stehen unausgesprochen weitere Posten:

  • Die Kündigung von Versailles,
  • die Angliederung Deutsch-Österreichs,
  • die Häresie der autoritären Staatsform,
  • der Machtzuwachs des Reiches in den vergangen sechs Jahren,
  • die Aufrüstung der Wehrmacht,
  • Hitlers Forderung nach Rückgabe der ehemals deutschen Kolonien und
  • der deutsche Wille, zur Vormacht in Ostmitteleuropa aufzusteigen.

Es geht hier nicht mehr allein um Danzig und um Transitwege, also um die Fragen, zu denen man in England in der Vergangenheit meist die Auffassungen der Deutschen geteilt hat. Danzig ist für Großbritannien und Frankreich nun die Hürde, vor der sie das Deutsche Reich zum Stehen oder mit der sie das Reich zum Fallen bringen wollen.

Nach dem Gespräch mit Coulondre trifft Mussolinis Antwort auf Hitlers Brief vom gleichen Morgen ein. Der „Duce“ teilt dem „Führer“ sein volles Verständnis für die deutsche Haltung gegenüber Polen mit und erkennt an, daß eine so gespannte Lage nicht endlos dauern könne. Aber er schreibt auch, daß Italien nicht kriegsbereit sei, und sich an Auseinandersetzungen mit Polen und dessen Verbündeten bedauerlicher Weise nicht beteiligen könne.13) Hitler ist bestürzt. Italien verweigert seine Unterstützung. England stärkt weiterhin die Polen, statt sie an den Verhandlungstisch zu drängen, und Frankreich ist fest entschlossen, auf Polens Seite in den Krieg zu ziehen.

Auch zwischen der englischen Botschaft in Warschau und dem Außenministerium in London gehen viele Telegramme hin und her. Um 1:00 Uhr fordert Halifax aus London Kennard in Warschau auf, die Polen zu ermahnen, „jede Handung zu unterlassen, die sie in die Rolle des Aggressors versetzen könnte.“300 Um 1:20 Uhr telegraphiert Kennard zurück, daß der französische Botschafter dem polnischen Außenminister Beck diese Ermahnung bereits in der vergangenen Nacht übermittelt habe. Um 2:35 Uhr geht ein weiteres Telegramm an Halifax in London. Kennard berichtet, daß er von Außenminister Beck erfahren hat, daß Göring in Berlin versucht hat, mit Lipski ein Gespräch über Polens Haltung zu den deutschen Vorschlägen zu führen. Beck hat dabei offensichtlich mögliche deutsch-polnische Gespräche als einen Bruch von Polens Bündnistreue gegenüber England dargestellt. Und Kennard gibt diese Sicht der Dinge weiter, als wäre sie die seine. Er schreibt im 2.35-Telegramm, daß Göring versucht habe, bei Lipski einen Keil zwischen England und Polen zu treiben.

Herr Beck glaubt, “ so setzt der Bericht fort, „ daß die deutsche Regierung jede Anstrengung unternimmt, durch solche Methoden freie Hand im Osten zu bekommen, und er meint, es sollte zur Kenntnis genommen werden, daß sich Polen nicht in eine solche Intrige hineinziehen lassen will.“ 14)

Um 14:00 Uhr schickt Kennard noch eine Einschätzung der Lage an Halifax in London:

„… Ich bezweifele ausgesprochen, daß es irgendeinen Nutzen bringt, wenn der polnische Botschafter ein Gespräch mit Hitler sucht. Obwohl ich die Dinge von hieraus natürlich nicht beurteilen kann, scheint es mir doch so zu sein, daß nach Herrn Hitlers Antwort (Brief vom 23.8., Anm. d. Verf.) jedes solches Vorgehen als ein Zeichen von Schwäche angesehen würde und ein Ultimatum provozieren würde.“ 15)

Paris und London sind in Sorge, daß der Krieg von Polen statt von Deutschland losgetreten wird. In Warschau bezeichnet man die Gesprächsversuche von deutscher Seite als Intrige, und Kennard zeigt keine Neigung, die Polen zu Gesprächen mit den Deutschen zu bewegen.

Quellen:

1) Benoist-Méchin, Band 7, Seiten 383 f. Die deutschen Vergeltungsmaßnahmen tauchen tags darauf in einer Protestnote der polnischen Regierung an die Reichsregierung wieder auf: Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Serie D, Band VII, Dokument 330
2)
Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Serie D, Band VII, Dokument 266
3)
Ebenda, Serie D, Band VII, Dokument 287, Eingang in Berlin telefon. voraus 25. August, schriftlich am 26. August
4)
Wilhelm Keitel, „Mein Leben“, Seite 249
5)
British War Bluebook, Document 69
6)
Die Stichworte aus dem Gespräch sind den Akten des AA entnommen: Akten zur Deutschen Auswärtigen, Serie D, Band VII, Dokument 265 und dem British War Bluebook, Document 69
7)
Jacques Benoist-Méchin, „Auf dem Weg zur Macht 1925-1939, Geschichte der deutschen Militärmacht 1918-1946“, Band 7, Seiten 515 f
8)
Wilhelm Keitel, „Mein Leben“, Seite 250
9)
Edouard Daladier (1884-1970), französischer Ministerpräsident
10)
Jacques Benoist-Méchin, „Auf dem Weg zur Macht 1925-1939, Geschichte der deutschen Militärmacht 1918-1946“, Band 7, Seiten 396 f und Französisches Gelbbuch, Dokument 242
11)
Ebenda, Band 7, Seite 397 und Französisches Gelbbuch, Dokument 242
12)
Ebenda, Band 7, Seite 397 und Französisches Gelbbuch, Dokument 242
13)
Akten zur Deutschen Auswärtigen, Serie D, Band VII, Dokument Nr. 271
14)
Documents Brit. Foreign Policy, Third Series, Volume VII, Document 272
15)
Ebenda, Document 273
16)
Ebenda, Document 263
17)
Ebenda, Document 270

 

 

Sonnabend 26. August 1939 – Sechs Tage vor dem Kriegsausbruch.

Um 7:50 Uhr fliegt Botschafter Henderson nach London, um Hitlers Vorschlag an die britische Regierung zu überbringen. Um 11:00 Uhr gelingt es Dahlerus, erneut bei Außenminister Halifax vorzusprechen und ihm die Wirkung des britisch-polnischen Vertrags auf Hitler zu berichten. Dahlerus kann den Minister überzeugen, daß Marschall Göring in diesem Augenblick auf deutscher Seite die einzige Persönlichkeit von Einfluß ist, die den Frieden jetzt noch retten kann.1) Der Schwede bittet Halifax, Göring einen Brief zu schreiben und Englands ernsten Willen zu einer friedlichen Lösung zu bestätigen. Dahlerus kehrt mit dem erbetenen Schreiben zurück nach Deutschland und übergibt es Göring. Der hält die Botschaft für so wichtig, daß er sofort zu Hitler fährt und ihn davon in Kenntnis setzt. Inzwischen ist es wieder Mitternacht.

Kurz nach Mitternacht (27.8.) läßt Hitler Dahlerus zu sich in die Reichskanzlei bestellen. Jetzt wird der Schwede vom Vermittler zwischen Göring und der englischen Regierung zum Vermittler zwischen Hitler und den Briten. Die Konferenz zu tiefer Nacht, die nun über eineinhalb Stunden folgt, wird zum Dialog zwischen Hitler und Dahlerus.2) Der auch anwesende Göring schaltet sich erst ganz zum Ende ein. Bemerkenswert dabei ist, daß Außenminister von Ribbentrop nicht hinzugezogen wird, der Hitler bis dahin in Bezug auf Englands Reaktionen offensichtlich falsch beraten hat. Hitler schildert seine und Deutschlands Lage, so wie er sie sieht. Dem folgt ein Zwiegespräch, bei dem Hitler Dahlerus nach seinen England-Erfahrungen befragt. Dann setzt der „Führer“ wieder zu einem seiner Monologe an. Er schildert die Unschlagbarkeit des deutschen Heeres und der Luftstreitkräfte. Dahlerus seinerseits versucht, dem deutschen Kanzler klar zu machen, daß das Deutsche Reich einen Seekrieg gegen die Seemacht England niemals wird gewinnen können. Zum Schluß geht Hitler sehr erregt in seinem Zimmer auf und ab, ehe er plötzlich innehält und zu dem schwedischen Vermittler sagt:

Sie Herr Dahlerus, haben meine Auffassung gehört. Sie müssen sofort nach England reisen, um sie der englischen Regierung mitzuteilen. Ich glaube nicht, daß Henderson mich verstanden hat, und ich wünsche aufrichtig, daß eine Verständigung zustande kommt.“

Es wird beschlossen, die Hitler-Position genau zu definieren. Dahlerus lernt sie auswendig, um auf dem Flug nach London keine kompromittierenden Papiere mit sich führen zu müssen. Es sind wiederum sechs Punkte, die nun zum Teil schon weiter greifen, als die sechs Punkte, die Hitler Henderson mit auf den Weg gegeben hat:

„1. Deutschland wünscht ein Bündnis mit England, das alle Streitfragen politischer oder wirtschaftlicher Art in Zukunft beseitigen soll.“

Dieses Angebot gilt also unverzüglich und nicht erst nach der Danzig-Lösung, wie es Hitler vorher vorgeschlagen hatte.

2. England wird gebeten mitzuwirken, daß Deutschland Danzig und den Korridor erhält, jedoch mit Ausnahme eines Freihafens in Danzig, der Polen zur Verfügung stehen soll. Polen soll einen Korridor zur Hafenstadt Gdingen erhalten und ganz über diese Stadt und ein hinreichend großes Gebiet um sie herum verfügen..“

Hier wird nun mit dem Korridor mehr verlangt, als nur die exterritorialen Transitwege. Da Polen bisher auf die von Hitler vorgeschlagene Minimallösung von sich aus nicht eingegangen ist, hofft er, mit Englands Rückendeckung auch den nicht polnisch bewohnten Teil des Korridors für Deutschland heimzuholen. Göring ergreift einen Atlas, reißt ein Kartenblatt heraus und markiert mit einem Rotstift das Gebiet, das nach dem neuen Wunsch zu Deutschland kommen sollte.

3. Deutschland verpflichtet sich, Polens Grenzen zu garantieren.
4. Deutschland wünsche ein Abkommen über Kolonien, über die Rückgabe seiner ehemaligen Besitzungen oder Kompensationen.
5.
Deutschland wünsche Garantien über die Behandlung der deutschen Minderheit in Polen.
6.
Deutschland verpflichtet sich, das Britische Empire, wo immer es angegriffen werden könnte, mit seiner Wehrmacht zu schützen.“

Dahlerus sagt zu, den neuen Vorschlag so schnell wie möglich in London vorzutragen. Es ist inzwischen Morgen, als Hitler, Dahlerus und Göring auseinandergehen.

Am Nachmittag des 26. August, nachdem Halifax Dahlerus mit dem Brief an Göring nach Berlin entlassen hatte, empfängt er noch Graf Raczynski, den polnischen Botschafter, und informiert ihn über die Gespräche Hendersons mit Hitler. Dabei gibt er weiter, daß „Hitler nicht die geringste Andeutung gemacht hat, was er als die Lösung der deutsch-polnischen Probleme ansieht.“3) Hitlers Lösungsvorschlag liegt aber seit dem 24. Oktober vorigen Jahres auf dem Tisch: Danzig und exterritoriale Transitwege gegen Freihafen und Handelsprivilegien in Danzig für die Polen, Grenzgarantien und ein Friedensvertrag für 25 Jahre. Halifax hält das offensichtlich für keinen Lösungsansatz.

Nachzutragen für den 26. August sind noch die französischen Aktivitäten. Früh  um 1:00 Uhr berichtet Botschafter Coulondre aus der deutschen Hauptstadt nach Paris. Er bringt dabei einen gänzlich neuen Vorschlag in die Debatte ein. Coulondre regt an, einen Bevölkerungsaustausch in sämtlichen deutsch-polnischen Grenzgebieten mit gemischter Bevölkerung vorzunehmen, statt der deutschen Danzig-Forderung nachzugeben.4) Der Vorschlag geht noch am gleichen Tag nach Warschau, wo er die Zustimmung des polnischen Außenministers findet.

Am gleichen 26. August erhält Präsident Daladier Hitlers Brief, in dem er schreibt, daß Deutschland von sich aus keinen Krieg gegen Frankreich eröffnen werde. Daladier und Außenminister Bonnet verfassen eine Antwort, welche die drei bekannten Positionen wiedergibt: Die Bündnistreue Frankreichs zu Polen, die Beteuerung des Friedenswillens und der Vorschlag, mit Warschau zu verhandeln.5) Erstaunlich ist, daß der Coulondre-Vorschlag mit dem Bevölkerungsaustausch in diesem Schreiben mit keinem Wort Erwähnung findet. Ansonsten ist der Brief kaum hilfreich. Präsident Daladier ergeht sich in einer langen Folge von Friedensbeteuerungen, die alle meinen: „Wir Franzosen sind friedlich, und wer den Danzig-Status anrührt, ist es nicht.“ Die französische Regierung denkt fünf Tage vor dem Krieg von sich aus nicht daran, das von ihr in Versailles mit geschaffene deutsch-polnische Problem, den Status des Freistaates Danzig, zur Disposition zu stellen und Polen zu veranlassen, in dieser Sache einzulenken. An diesem Tage wird im ostpreußischen Kreis Neidenburg eine polnische Kavallerieeinheit bei einem Streifzug durch deutsche Dörfer von den Soldaten einer Königsberger Artilleriebatterie gestellt. 47 Polen fallen im MG-Feuer der dort zum Schutz der deutschen Grenzbevölkerung eingesetzten Batterie.

Quellen:
1) Birger Dahlerus, „Der letzte Versuch, London-Berlin Sommer 1939“, Seite 56
2) Das folgende Gespräch ist der Dahlerus-Darstellung entnommen. Ebenda, Seiten 61 ff
3) Documents Brit. Foreign Policy, Third Series, Volume VII, Document 390
4) Georges Bonnet, „Vor der Katastrophe, 1938-1939“, Seite 274
5) Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Serie D, Band VII, Dokument 324 (franz. Text) und Auswärtiges Amt 1939 2, Dokument 460 (deutscher Text)

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