GH 2, 12/15 – März-August 1939

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22. März 1939 – Die Rückgabe Memels

Der letzte „Anschluß“ vor dem Krieg fällt Deutschland wieder in den Schoß. Die litauische Regierung gibt das 1920 abgetrennte Memelland am 22. März 1939 ohne Widerstand an das Deutsche Reich zurück. Dieser Landzipfel zwischen dem Fluß Memel im Süden und dem Ort Nimmersatt im Norden, der das kleine Litauen nach der geographischen Gegebenheit so ideal ergänzt, ist allerdings vor 1920 niemals im eigentlichen Sinne litauisch gewesen.

In diesem Streifen Landes leben um das Jahr 1000 die Kuren, die als Stamm zum Volk der Letten zählen. Die Litauer sind zu der Zeit nach Osten hin noch hinter dem Siedlungsgebiet der Szamaiten erst übernächste Nachbarn. Im 12. und 13. Jahrhundert missionieren und erobern der Livländische Schwertbrüderorden von Norden und der Deutsche Orden von Süden im Auftrag von Papst und Kaiser die baltischen Gebiete entlang der Ostseeküste. Die Memel ist der Fluß, an dem sich beide Orden treffen. Der Livländische Orden, der ab 1158 von Norden kommend das Gebiet der Kuren unterwirft, schafft mit dem später so genannten Memelland zunächst die Brücke zwischen beiden Ordensterritorien. Später reißt die Verbindung des Ordenslandes in Richtung Lettland nördlich der Stadt Memel wieder ab und das Memelland wird 1328 dem inzwischen deutsch gewordenen Ostpreußen angegliedert. Die Kuren und die Deutschen dort haben sich inzwischen zu einem Volk gemischt und das Kurisch ist als Sprache in dieser Gegend ausgestorben.

So wird das Memelland schon um das Jahr 1200 deutsch. 1252 gründen Ordensbrüder dort, wo die Danje in die Ostsee mündet an einer Stelle, die klajs peda heißt, ihre erste Burg und unmittelbar daneben eine deutsche Siedlung. Klajs peda ist Kurisch-Lettisch und heißt wörtlich „flache Stelle“. Daß die „Memelburg“ der Ordensritter dort die erste Burg an diesem Platze war, ist daraus zu schließen, daß die Kuren ihre Burgen nur auf Höhen bauten. So weist der heutige Name Kleipada für die ehemals deutsche Stadt Memel auf eine kurische Ortsbezeichnung hin und nicht – wie der Anschein das vermittelt – auf eine litauische Burg in grauer Vorzeit.

Von der Gründerzeit von Burg und Ort bis 1409 wird Memel gut ein halbes Dutzend mal von Litauern und Kuren angegriffen, erobert und abgebrannt und jedesmal von Deutschen wieder aufgebaut. 1411 im Ersten Thorner Frieden und 1422 im Frieden vom Melno-See wird das Ordensland nördlich der Memel seines Hinterlands beraubt; der Ostteil fällt an Litauen und das Memelland erhält die Grenzen, die es dann unverändert bis 1945 hat. Litauer und Deutsche werden so ab 1411 direkte Nachbarn.

Trotz der Bezeichnung und trotz der Muttersprache fühlt sich die Mehrheit der Kleinlitauer zum deutschen Kulturkreis und zum Deutschen Reich gehörig. Bei einer Volksbefragung nach den „Familiensprachen“ im Jahre 1922 bekennen sich 71.156 Memelländer zur deutschen Sprache und 67.259 zur litauischen Sprache, doch nur 2,2% der Kleinlitauer wünschen, den Lese- und Schreibunterricht in den Schulen von Deutsch auf Litauisch zu wechseln.1) Deutsch ist ihre zweite inzwischen angestammte Sprache.

1919 in Versailles beanspruchen die zwei Staaten Polen und Litauen das Memelland für sich. Beide sehen im Zusammenbruch des besiegten Deutschen Reichs die Chance, ihre neu formierten Länder zu Lasten Deutschlands „aufzurunden“. Die Polen wollen ganz Litauen samt Memelland für sich, die Litauer das Memelland mit der Stadt Memel als Tor zur nahen Ostsee. Die litauische Begründung, die in Versailles vorliegt, besagt, daß das Memelland vor 600 Jahren Teil des Großlitauischen Reichs gewesen sei. Daran stimmt, daß das Memelland einmal als integraler Teil Ostpreußens unter dem Lehen der Polnisch-Litauischen Doppelmonarchie gestanden hat. Doch mit der gleichen Qualität von Argument könnte Deutschland heute die Herrschaft über Ungarn fordern.

Die alliierten Siegermächte erfüllen weder Polens noch Litauens Ansprüche auf das Memelland. Sie weisen die These der litauischen Regierung, das Memelgebiet sei früher litauisch gewesen, in der Mantelnote zum Versailler Vertrag vom 19. Juni 1919 schriftlich ab. Auch die deutschen Versuche, das Memelland zu halten, wurden von den Siegermächten abgewehrt. Drei Vorstöße der Deutschen Reichsregierung und der memelländischen Volksvertretung im Mai, im August und im September 1919 wurden mit der Begründung abgelehnt, das Memelgebiet sei nach dem Versailler Vertrag nicht mehr Teil des Deutschen Reichs, und es könne deshalb mit Deutschland in dieser Sache nicht verhandelt werden.

Ab 1920 nehmen die Versailler Siegermächte das Memelland in einem sogenannten Kondominium unter gemeinschaftliche Herrschaft und lassen es von Frankreich fremdverwalten. Am 14. Februar 1920 trifft die französische Besatzungstruppe, ein knappes Bataillon, in Memel ein. Trotz dieser Änderungen bleiben die Memelländer deutsche Staatsangehörige. Die deutsche Verwaltung setzt ihre Arbeit ohne Unterbrechung fort, desgleichen die Reichsbank und die Deutsche Reichsbahn. Die Post wird selbständig gemacht. Sie benutzt französische Briefmarken mit Überdruck in deutscher Sprache. Ansonsten wird das Memelland ein eigenes, geschlossenes Zollgebiet. Damit hat dies neue Kunstgebilde für drei kurze Jahre keine eigene Staatsbürgerschaft und keine eigene Währung. Doch es ist ringsum von Zollgrenzen eingeschlossen und führt eine eigene Flagge. Das Memelland wird von Deutschland abgetrennt und keinem anderen Staate zugesprochen.2) Diese Abtrennung ist wohl der sinnloseste und lächerlichste Racheakt der Sieger.

In Litauen bleibt das Verlangen nach dem Memelland weiter auf der Tagesordnung. So beschließt die litauische verfassunggebende Versammlung am 11. November 1921, das Memelland mit Litauen zu „vereinigen“.3) Gut ein Jahr danach, vom 10. bis zum 16. Januar 1923 dringen litauische Bewaffnete ins Memelland ein und vertreiben die Franzosen. Die Konferenz am 16. Februar 1923 beschließt, die Souveränität über das Memelland an Litauen zu übertragen. Damit ist der Versailler Vertrag ein weiteres Mal gebrochen.

Am 8. Mai 1924 wird die Memelkonvention im Namen des Völkerbunds von England, Frankreich, Italien, Japan und Litauen unterzeichnet. Nach Artikel 1 des Memelstatuts bildet das Memelgebiet fortan „eine nach demokratischen Grundsätzen aufgebaute Einheit unter der Souveränität Litauens, der auf den Gebieten der Gesetzgebung, der Rechtsprechung, der Verwaltung und des Finanzwesens innerhalb näher umschriebener Grenzen Autonomie verliehen wird“.

Die Memelländer werden, ohne daß man sie dazu befragt hat, Litauer. Und fortan setzt der Zuzug von litauischen Bürgern aus Litauen ein, die man im Gegensatz zu den bisher dort ortsansässigen Kleinlitauern und Memeldeutschen die Großlitauer nennt.

Die Reichsregierung übergibt der litauischen Regierung im März 1938 eine Note mit dem Verlangen, die Memelkonvention ohne Abstrich einzuhalten. Die Note besteht aus „11 Klagepunkten“ von denen die Reichsregierung fordert, sie alsbald abzustellen. Bemerkenswert bei der Note der „11 Klagepunkte“ ist, daß die Reichsregierung mit keiner Silbe das Verlangen äußert, das Memelland an Deutschland abzutreten.3)

Die außenpolitische Lage Litauens wird 1938 brenzlig. Polen zwingt Litauen unter Androhung eines Krieges, ihre Annexion der Stadt Wilna von 1920 völkerrechtlich anzuerkennen. Die zwei Verbündeten der Litauer, die Franzosen und Russen lassen Litauen in diesem Streit mit Polen ohne Unterstützung.

Als Konsequenz ihrer außenpolitischen Lage beginnt die litauische Regierung nun, bei der deutschen zu sondieren. Der litauische Gesandte Jurgis Šaulys trägt am 31. Oktober 1938 in Berlin den Wunsch vor, die deutsch-litauischen Beziehungen neu zu gestalten, und er bittet um eine Erklärung der Reichsregierung zur Unverletzbarkeit des litauischen Staatsgebiets. Das kommt dem Wunsch gleich, daß Deutschland endgültig auf das Memelland verzichtet. Staatssekretär Ernst von Weizsäcker im Auswärtigen Amt hält sich bedeckt und verlangt vor weiteren Gesprächen erst einmal die völlige Einhaltung der Autonomie fürs Memelland. Am 1. November 1938 wird der erste der elf deutschen „Klagepunkte“ aus der Welt geschafft. Der Kriegszustand im Memelland wird aufgehoben. Doch inzwischen ist der Verdruß der Memelländer über ihre litauische Herrschaft zu groß geworden, und der Anschluß Österreichs im März 1938 weckt bei ihnen alte Wünsche. Ab November 1938 kommt es im Memelland zu prodeutschen Aufmärschen und Fackelzügen und zu der offenen Forderung nach baldiger Rückgliederung ins Dritte Reich. Die Reichsregierung hält sich trotzdem zunächst weiterhin zurück.

Am 11. Dezember 1938 gehen 96% der wahlberechtigten Memelländer unter den Augen amerikanischer, polnischer, französischer, italienischer und englischer Wahlbeobachter und Journalisten zu den Urnen. Trotz der 48% litauischer Muttersprachler bekommt die deutsche Liste über 87% der abgegebenen Stimmen. Das Ergebnis wirkt wie ein Votum der Bevölkerung für den Anschluß an das Dritte Reich. England und Frankreich reagieren alarmiert auf dies Ergebnis. Am Tage nach der Wahl schon teilen die Regierungen beider Mächte dem Auswärtigen Amt in Berlin mit,

„daß sie als Signatarmächte der Memelkonvention darauf vertrauen, daß die Deutsche Regierung ihren Einfluß auf die Memelländer im Sinne der Aufrechterhaltung des Status quo geltend macht“.4)

Damit verlangen Briten und Franzosen den Verbleib des Memellands bei Litauen und dies trotz des offenbar entgegengesetzten Willens der betroffenen Bevölkerung. England und Frankreich sind also auch nach ihrem Debakel auf der Konferenz von München und dem Anschluß der Sudetengebiete an das Dritte Reich noch immer nicht bereit, ihre Fehler von Versailles selber zu bereinigen. Sie überlassen es den Deutschen.

Am 20. März 1939, nachdem Litauen in Paris und London keinen Rückhalt findet, reist Außenminister Juozas Urbšys nach Berlin zu Ribbentrop. Der deutsche Minister, der sich bisher in Bezug auf Memel stets öffentlich zurückgehalten hat, nutzt nun die ausweglose Lage des litauischen Kollegen. Er weiß, daß Litauen das Memelland einst ohne Recht und mit Gewalt genommen hat, daß es die Memelkonvention die längste Zeit nicht eingehalten hat, daß die Memelländer sich mit übergroßer Mehrheit für das Dritte Reich entschieden haben und daß Litauen nun bei den Siegermächten keinen Rückhalt findet. Von Ribbentrop beginnt das Gespräch mit Urbšys mit der Feststellung, daß die Memelländer zurück zu Deutschland wollen. Dann stellt er Urbšys vor die Wahl.

„Es gibt zwei Möglichkeiten“, so von Ribbentrop, „eine freundschaftliche Regelung mit nachfolgendem freundschaftlichem Verhältnis zwischen den beiden Ländern. Hierbei würden wir wirtschaftlich großzügig sein und die Freihafenfrage zu Gunsten Litauens lösen. Anderenfalls ist nicht zu sehen, wo die Entwicklung endet. Kommt es im Memelgebiet zu Aufständen und Schießereien, wird Deutschland nicht ruhig zusehen. Der Führer wird blitzartig handeln und die Situation wird dann von den Militärs bestimmt.“ 5)

Von Ribbentrop beendet das Gespräch mit dem Angebot eines Vertrages, der beides regeln soll, die Rückkehr Memels und den Freihafen für Litauen. Urbšys erbittet Bedenkzeit von ein paar Tagen, doch von Ribbentrop setzt nach und rät, „allerschleunigst einen Bevollmächtigten zum Abschluß des Vertrags zu entsenden“. Der litauische Minister kehrt noch am gleichen Tag zurück nach Kaunas.

Am Folgetag berät das litauische Kabinett ab 14:00 Uhr das deutsche Angebot, das ja offensichtlich keine andere Wahl mehr läßt. Um 19:00 Uhr fällt der Entschluß, das Memelland zurückzugeben. Dann wird Staatspräsident Antanas Smetona von der Entscheidung unterrichtet. Um 0:20 Uhr informiert das Presseamt die Medien. Am Tag danach, dem 22. März 1939, schließen beide Länder den von Deutschland angebotenen Vertrag, der das Memelland zurück ins Reich bringt und Litauen einen Freihafen in Memel und gewisse Rechte garantiert. Fast zeitgleich gehen Noten der litauischen Regierung an die in London, Rom, Paris und Tokio, die nach Artikel 15 der Memelkonvention als Signatarmächte dieser Konvention „der Übertragung der Souveränitätsrechte über das Memelgebiet zustimmen“ müssen. Die angeschriebenen Mächte bekunden, daß sie nichts gegen die Rückübertragung des Memellands an Deutschland unternehmen werden. So wird das Memelgebiet am 22. März 1939 völkerrechtlich wieder deutsch.

Der Anschluß des Memellandes entspricht dem Willen der großen Mehrheit der betroffenen Bevölkerung, und er folgt einem völkerrechtlich gültigen Vertrag. Man kann gewiß nicht sagen, daß der Verzicht der Litauer ein Akt des freien Willens ist. Er ist wohl mehr ein Akt der Einsicht, mit der man zurückgibt, was man nicht länger halten kann. Am 15. Mai 1939 erkennt die britische Regierung die Rückkehr des Memellandes in einer Note an, in der sie schreibt:

„Ihrer Majestät Botschaft… hat die Ehre, das (deutsche) Außenministerium im Auftrag des Außenministeriums Ihrer Majestät davon in Kenntnis zu setzen, daß Ihrer Majestät Regierung des Vereinigten Königsreichs entschieden hat, die deutsche Vereinigung mit Memel de jure anzuerkennen. …“ 6)

Diese de-jure-Anerkennung ist insofern bemerkenswert, als sie in England und bei den anderen Erste-Weltkrieg-Siegermächten bald danach vergessen ist. Auf der Siegerkonferenz von Potsdam 1945 legen der englische Premier Churchill und US-Präsident Truman gemeinsam fest, was nach ihrer Lesart „Deutschland“ ist. Für sie ist es das Deutschland in den Grenzen von 1937 ohne Memel. Auch das Internationale Militärtribunal von Nürnberg erklärt die Heimkehr Memels in ihrem Urteil 1946 zu einer von sechs Verletzungen des Versailler Vertrags.7) Dies Urteil übergeht, daß die Regierungen Englands und Frankreichs der Rückgabe 1939 auf litauisches Befragen nicht widersprochen und den Artikel 99 des Versailler Vertrags damit selber aufgehoben haben. Es übergeht die „de-jure- Anerkennung“ der englischen Regierung, mit der die Briten 1939 sagen, daß ihre Anerkennung „von Rechts wegen“ geschieht und nicht etwa aufgrund der geschaffenen Fakten oder infolge von Gewalt.

Die Mächte von Versailles haben den Streit der Litauer und der Deutschen um Memel 1920 angelegt. Wenn dieses keine böse Absicht war, ist es zumindest eine Unsinnstat gewesen. Ein Stückchen Land und die Bevölkerung vom Mutterland zu trennen, ohne zu wissen, wem das alles letzten Endes zugesprochen werden soll, ist ein zerstörerischer Akt ohne Sinn und Weisheit. Die Erste-Weltkrieg-Sieger, die stets vorgegeben haben, sich für Demokratie, Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht der Völker eingesetzt zu haben, haben sich im Memelland kein einziges Mal um Recht und Freiheit der betroffenen Bevölkerung geschert. Der Schuldanteil der Litauer an dem Streit ist nicht geringer. Sie haben das Gebiet 1923 in einem kriegerischen Akt erobert. In den 15 Jahren ihrer Herrschaft haben sie die Rechtsgrundlage für das Zusammenleben der Memeldeutschen und der Kleinlitauer so oft unterlaufen und gebrochen, daß das seit jeher friedliche Verhältnis beider Gruppen schnell vergiftet worden ist. Litauen ist auch nicht so vital und attraktiv gewesen, daß es die Chance hätte haben können, den zwangseingebürgerten Deutschen als Vielvölkerstaat ein neues Heimatland zu werden. Der dritte Sünder ist der Völkerbund, der als Friedenswächter über das Memelland von Anfang an versagt hat.

Ohne die Sieger von 1918 hätte es keine Rückkehr deutscher Truppen in die Rheinlandgarnisonen geben müssen, hätten das Saarland, die Sudetengebiete und das Memelland nicht wieder angeschlossen werden müssen und hätte es kein Österreich geben müssen, das gegen den Willen von Volk und Parlament zur Eigenstaatlichkeit gezwungen worden ist. Das alles hätten die Sieger in Versailles und Saint-Germain ohne einen Hitler regeln können, wenn sie in Zukunft Frieden mit den Deutschen hätten haben wollen.

Quellen:

  1. Helmut Arnaszus u. Algimantas Semaska,“ Durch Litauen und ehemaliges Ostpreußen“ , Seite 54
  2. Der Versailler Vertrag, Artikel 99, spricht das Memeler Gebiet pauschal den Siegermächten zu.
  3. Politisches Archiv des Auswärtigen Amts, R 29675
  4. Ebenda
  5. Politisches Archiv des Auswärtigen Amts, R 29675, Blatt 120813
  6. Ernst Albrecht Plieg, „Das Memelland 1920-39“, Seite 224
  7. Internationaler Militärgerichtshof Nürnberg, Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof, Amtlicher Wortlaut in deutscher Sprache, Nürnberg, 1947, Band XXII, Seite 522

 

31. März 1939 – Britisch-französische Garantieerklärung an Polen

Der Strick um Deutschlands Hals zog sich allmählich wieder zu. Als britisch-französische Garantieerklärung wird die Erklärung der Regierungen Großbritanniens und Frankreichs vom 31. März 1939 bezeichnet, deren Inhalt die Versicherung des Beistandes in jeglicher Form war, sollte sich eine Situation ergeben, in der Polen zur militärischen „Verteidigung“ seiner territorialen Unversehrtheit gezwungen wäre. Am 25. August unterschrieben Polen und Großbritannien zusätzlich einen militärischen Beistandspakt. Jetzt fehlte nur noch der Verteidigungsfall für Polen, um ganz Europa erneut mit einem Krieg zu überziehen. Der britische Botschafter in Berlin Sir Nevile Henderson argwöhnte, die Polen würden „die Dinge auf die Spitze treiben“. Mit Hilfe der britischen Garantieerklärung wollten sie, so berichtete der Botschafter am 8. August 1939 nach London, über Deutschland einen ungerechten Vorteil erlangen.1)

Die britisch-französische Garantie-Erklärung an Polen wirkte einer gerechten und friedlichen Lösung des deutsch-polnischen Konflikts entgegen. Sofort verstärkte sich in Polen die Hetze gegen Deutschland. Polnische Zeitungen forderten, Danzig und ganz Ostpreußen zu besetzen und die Westgrenze bis zur Oder vorzuschieben. In Versammlungen wurde gesagt,  daß nicht die Oder, sondern die Elbe Polens Grenze sei. Berlin sei keine deutsche Stadt, sondern eine alte polnische Ansiedlung. Plakate erschienen an den Hauswänden mit dem Aufruf „Auf nach Berlin!“.2)

Als der polnische Kriegsminister General Tadeusz Kasprzycki im Mai 1939 in Frankreich weilte, um mit dem französischen General Maurice Gamelin zu konferieren, war auch der französische Außenminister Georges Bannet anwesend. Er dokumentierte in seinen Erinnerungen an diese Zeit eine Aussage von Kasprzycki, den Zustand der Befestigungen an der deutsch-polnischen Grenze betreffend:

„Wir haben keine Befestigungen, denn wir gedenken, einen Bewegungskrieg zu führen und gleich zu Beginn der Operationen in Deutschland einzufallen.“

Georges Bannet, „Vor der Katastrophe“, Köln, 1951, S.220

Quellen:

  1. de, «Herr Hitler will den Frieden retten», 02.09.1964
  2. Zentner, Kurt: «Illustrierte Geschichte des Zweiten Weltkrieges,., Südwest-Verlag, München, 1964, S.64.

 

Mai bis August 1939 – Tausende ermordete Deutsche in Polen

In den Jahren zwischen 1918 und 1939 wurden nach Schätzungen vieler Historiker Zehntausende deutsche Zivilisten von Polen ermordet, über eine Million mußten aus ihrer Heimat fliehen. Zwischen Mai und August 1939 rollte eine schwere Terrorwelle gegen die deutsche Minderheit im polnisch besetzten deutschen Gebiet Allein in dieser kurzen Zeit wurden tausende Deutsche ermordet, die deutsche Minderheit wandte sich wiederholt sowohl an die deutschen Konsulate als auch direkt an den polnischen Staatspräsidenten und an den Völkerbund – vergeblich.

Angesichts der gewaltsamen übergriffe setzte im Juli 1939 eine Flüchtlingswelle von Deutschen aus Polen nach Deutschland und in den Freistaat Danzig ein, die sich von Tag zu Tag ausweitete. Sollten diese Verfolgungen Hitler veranlassen, um gegen die Alliierten loszuschlagen?

„Schlagt die Deutschen nieder wo ihr sie trefft!“

  1. August 1939, oberschlesischer Politiker Michal Graiynski in einer öffentlichen Versammlung, jungefreiheit.de, 22.09.2006

„Polen will den Krieg mit Deutschland, und Deutschland wird ihn nicht vermeiden können, selbst wenn es das wollte.“

Der polnische Armee-Oberbefehlshaber Rydz-Smig#y in einem Vortrag vor polnischen Offizieren im Sommer 1939

Ausführliche Informationen gibt es im extra Beitrag

Quelle: Pit Pietersen, Kriegsverbrechen der alliierten Siegermächte

 

 

19. August 1939 – Stalin will, daß Hitler Polen angreift, um ihm später in den Rücken zu fallen

Unterzeichnung des Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts; Moskau, 24. August 1939

Durch eine ans Licht der Öffentlichkeit gekommene Rede Stalins vor Mitgliedern des Politbüros und der Komintern wurde deutlich, daß Stalin Krieg gegen das Deutsche Reich plante, obwohl er wenige Tage später einen Nichtangriffspakt mit ihm unterschrieb. „Die Frage Krieg oder Frieden tritt für uns in eine kritische Phase“, heißt es in dem Dokument. In der Rede werden mögliche Strategien erörtert, welche die Sowjetunion verfolgen könnte: „Wenn wir einen Beistandspakt mit Frankreich und Großbritannien abschließen, wird Deutschland von Polen ablassen und einen Modus vivendi mit den Westmächten suchen. Der Krieg würde vermieden, aber im weiteren Verlauf könnten die Ereignisse einen für die Sowjetunion gefährlichen Charakter annehmen.“ Nehme die Sowjetunion hingegen den Vorschlag Deutschlands an und schließe mit den Deutschen einen Nichtangriffspakt, dann würden diese schließlich Polen angreifen. Eine Einmischung Frankreichs und Englands werde daraufhin unvermeidlich.

„Stalin beschloß am 19. August 1939 den Krieg zu beginnen und das ging von oben Schritt für Schritt nach unten und sollte am 6. Juli 1941 mit unserem Überfall auf Deutschland enden.“

Viktor Suworow, Der letzte Mythos – Wer entfesselte den 2.Weltkrieg?, Filmdokumentation

Wörtlich heißt es: „Westeuropa wird ernsthafte Unruhen und Unordnungen erleben. Unter diesen Umständen haben wir große Chancen, dem Konflikt fernzubleiben, und wir können auf einen günstigen Moment unseres Eintritts in den Krieg hoffen.“

„Unsere Aufgabe besteht darin, daß Deutschland so lange wie möglich Krieg führen kann. In Erwartung ihrer Stunde wird die UdSSR dem heutigen Deutschland Hilfe leisten, indem sie es mit Rohstoffen und Lebensmitteln versorgt. Man muß alles dafür tun, damit dieser Krieg solange wie möglich dauert mit dem Ziel der Erschöpfung beider Seiten. Gerade aus diesem Grund müssen wir mit dem Abschluß des Pakts, der von Deutschland vorgeschlagen wurde, einverstanden sein und daran arbeiten, daß dieser Krieg, einmal erklärt, die maximale Zeit andauert.“ 1)

Der spätere KPdSU-Generalsekretär Nikita Chruschtschow, der zur damaligen Zeit bereits Mitglied in Stalins Politbüro war, berichtete in seinen Memoiren wie Stalin nach der Unterzeichnung des Nichtangriffspaktes mit Deutschland am 24. August triumphierte: „Ich habe Hitler hinters Licht geführt!“ 2)

Quellen:

  1. Viktor Suworow, Stalins verhinderter Erstschlag S.89
  2. Nikita Chruschtschow, Erinnerungen Band 2, S.69

 

Die letzten Vermittlungsvorschläge

Der August 1939 wird zu einem in jeder Hinsicht heißen Monat. Briten, Polen, Russen, Franzosen, Italiener, Deutsche, Amerikaner, Belgier, Schweden und der Heilige Stuhl schüren je nach Interessenlage Feuer oder schleppen Wassereimer; die einen für den Frieden, die anderen für das Selbstbestimmungsrecht des eigenen Volkes oder für die eigene Besitzstandwahrung und letzten Endes die meisten für den Krieg.

Der König der Belgier appelliert im Namen der Oberhäupter vieler kleiner Staaten  an Deutsche und an Polen, sich gütlich zu einigen und den Frieden für Europa zu erhalten. Die Bemühungen des Heiligen Vaters vom Mai, die zerstrittenen Mächte zu einer Friedenskonferenz zu rufen, sind bereits beschrieben. Die Italiener stimmen sofort zu. Die Briten, die Franzosen und die Polen winken ab und Deutschland antwortet, dann habe es wohl keinen Zweck. Im August folgt eine Serie weiterer Konferenzversuche. Am 8. August schlägt der schwedische Vermittler Dahlerus ein geheimes deutsch-britisch-französisch-italienisches Gespräch über eine friedliche Beilegung der Streitigkeiten vor.1) Das Deutsche Reich, vertreten durch Minister Göring, sagt sofort zu. England läßt wissen, daß mit einer englischen Antwort erst nach Ablauf einiger Zeit zu rechnen sei. Die Briten und Franzosen verhandeln zu der Zeit mit den Sowjets in Moskau, um ein Dreierbündnis gegen Deutschland abzuschließen. Man kann vermuten, daß London erst den Vertrag mit Moskau in trockenen Tüchern haben will, ehe weitere Gespräche auf dieser Ebene mit Berlin begonnen werden. So werden Zeit und Chance vertan. Am 19. August scheitern die britisch-französisch-russischen Verhandlungen. Dann sind es wieder die Engländer, die mit der deutschen Reichsregierung verhandeln wollen. Das wird noch Thema dieses Buchs an späterer Stelle sein.

Am 22. August bittet Frankreichs Premierminister Daladier US-Präsident Roosevelt, eine Weltfriedenskonferenz nach Washington einzuberufen. Frankreich werde zusagen und Hitler vermutlich absagen. Damit sei wenigstens „die moralische Frage“ dieses Streits geklärt.2) Das Ergebnis dieses Vorschlags ist nicht überwältigend. Am 24. August schickt Roosevelt eine Friedensbotschaft an Hitler und den polnischen Staatspräsidenten Ignacy Moscicki. Roosevelt bittet „für eine bestimmte Zeit jegliche Aggression zu unterlassen“ und sich in direkten Verhandlungen zu verständigen.3) Hitler, der genau das seit 9 Monaten ohne Erfolg versucht, läßt Roosevelt ohne Antwort. Moscicki schreibt zurück, es sei nicht Polen, das hier etwas haben wolle.4) Kein Wort dabei zu Danzig oder zu den erbetenen exterritorialen Transitwegen.

Der letzte noch erwähnenswerte Vermittlungsvorschlag kommt von Mussolini. Am 31. August, dem Tag vor Kriegsbeginn, lädt der „Duce“ die Regierungschefs Deutschlands, Polens, Frankreichs und Englands zu einer Friedenskonferenz für den 5. September ein. Als Hauptverhandlungsthema schlägt er vor, die Bestimmungen des Versailler Vertrages als Ursprung der gegenwärtigen Krise zu überprüfen. 5) Dies ist der erste Vorschlag, der den Ursachen der Kriegsgefahr an ihre Wurzeln geht, doch der Vorschlag kommt zu spät. Der in Versailles gesäte Völkerstreit hätte bei Zeiten von denen aus der Welt geschaffen werden müssen, die ihn eingefädelt haben. Statt dessen versteift man sich in Frankreich und in Polen auf die Versailles-Positionen. England verdirbt mit seiner Garantie für Polen die letzte Chance, daß die Polen sich bewegen. Und man überläßt es Hitler, die Schäden von Versailles über mehrere Jahre Stück für Stück abzutragen, bis er damit soviel Erfolge, Übung und Erfahrung hat, daß er den Krieg mit Polen wagt.

Am Tag des Mussolini-Vorschlags hört die deutsche Funkaufklärung die Weisung des polnischen Außenministers Beck an Lipski in Berlin ab, er solle den neuen deutschen Verhandlungsvorschlag nicht entgegennehmen. Damit ist für Hitler auch dieser an sich gute Vorschlag aus Italien schon ohne Wert, als er von ihm erfährt. Als Hitler von Mussolinis Vorschlag informiert wird, rollen die deutschen Truppen bereits in ihre Ausgangsstellungen für den Angriff gegen Polen vor. Es bleiben bis dahin nicht einmal mehr neun Stunden. Hitler will nach neun Monaten vergeblichen Verhandelns nicht weiter auf der Stelle treten. So geht er auf den Mussolini-Vorschlag nicht mehr ein. Zu spät.

Am Ende der Vielzahl vergeblicher Versuche, den Krieg um Danzig durch Beschwörung oder durch Vermittlung zu verhindern, bleiben nur zwei Staaten, die um die offene Frage ringen, ob Deutschland den in Versailles geschaffenen Streitfall im Alleingang bereinigen darf oder nicht. Es sind Großbritannien und das Deutsche Reich. Im Kern der Auseinandersetzung steht Hitlers fatale Entscheidung, die Tschechei zum Protektorat zu machen. Das hat die englische Regierung so stark empört, daß sie ähnliches kein zweites Mal geschehen lassen will. Infolgedessen kommt es zur Garantie für Polen, und die verleitet die Warschauer Regierung, jede Änderung am Status des Freistaates Danzig zum casus belli zu erklären. Damit kann die Reichsregierung die deutsche Stadt Danzig nicht mehr mit Deutschland wiedervereinigen, ohne daß es Krieg mit Polen gibt. Krieg mit Polen – wenn auch nur um Danzig – heißt damit Krieg mit England. Frankreich spielt dabei nur noch den „Ladeschützen“. So ist aus der Frage „Wiedervereinigung mit Danzig oder nicht“ die Frage „Krieg zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich“ geworden. Und vor allem darum geht es in der letzten Woche vor dem Krieg.

Quellen:

  1. Birger Dahlerus, „Der letzte Versuch, London-Berlin Sommer 1939“, Seite 48
  2. Dirk Bavendamm, „Roosevelts Krieg 1937-45“, Seite 594
  3. British War Bluebook, Documents 124 and 125
  4. Paul Rassinier, „Die Jahrhundertprovokation“, Seite 276 zitiert aus Polnisches Weißbuch, Dokument 90
  5. Ebenda, Seite 296
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