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Zur „Dolchstoßlegende“ von 1918

Reichsverband Deutscher Recht-Konsulenten

Zur „Dolchstoßlegende“ von 1918

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde in weiten Kreisen Deutschlands, vor allem den nationalen, als Ursache für den Zusammenbruch des Reiches im November 1918 ein „Dolchstoß“ aus der Heimat in den Rücken des noch weit in Feindesland stehenden Heeres angesehen. Generalfeldmarschall Paul VON HINDENBURG hatte am 18. November 1919 vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß der deutschen Nationalversammlung erklärt, das »im Felde unbesiegte Heere« sei »von hinten erdolcht« worden. Diesen Dolchstoß hätten die Sozialisten vorbereitet und durch Streiks und Meutereien, besonders auf der Hochseeflotte im November 1918, durchgeführt. Ein ›Dolchstoß-Prozeß‹ fand vom 19. Oktober bis 20. November 1925 statt, der viele Argumente für die Berechtigung der Dolchstoß-Deutung ergab. 1) Der Begriff „Dolchstoß“ stammt wohl von dem englischen General MAURICE, über dessen Erklärung die Neue Zürcher Zeitung am 17. Dezember 1918 berichtete.

Seit dem Zweiten Weltkrieg wurde es jedoch bis in die Gegenwart üblich, von der „Dolchstoßlegende“ zu sprechen, das heißt abzuleugnen, daß es einen solchen Dolchstoß gegeben habe, und eine solche Meinung als falsch und unbegründet hinzustellen. Insbesondere SPD-Kreise versuchten, die damaligen Vorgänge zu verfälschen und den dabei von weiten Teilen der Linken verübten Landesverrat abzuschwächen oder ganz zu leugnen.

Der Waffenstillstand in Compiègne am 11. November 1914 (rechts im Bild: der Zug der deutschen Delegation). Links: FOCH trägt sich in das Goldene Buch des Waffenstillstandswagens ein.

Seit dem Zweiten Weltkrieg wurde es jedoch bis in die Gegenwart üblich, von der „Dolchstoßlegende“ zu sprechen, das heißt abzuleugnen, daß es einen solchen Dolchstoß gegeben habe, und eine solche Meinung als falsch und unbegründet hinzustellen. Insbesondere SPD-Kreise versuchten, die damaligen Vorgänge zu verfälschen und den dabei von weiten Teilen der Linken verübten Landesverrat abzuschwächen oder ganz zu leugnen.

Doch diese neue Darstellung der damaligen Vorgänge ist nicht richtig, wie auch nachfolgende Zitate einflußreicher Sozialisten und unabhängiger Zeitzeugen beweisen. Diese belegen, daß wirklich von den radikalen Linken während der letzten Jahre des Ersten Weltkrieges gegen den deutschen Sieg, der möglich gewesen wäre, gearbeitet und damit klar Landesverrat begangen wurde.

Am 4. August 1914 stimmten die Sozialdemokraten im Reichstag geschlossen den Kriegskrediten zu. Bereits am folgenden Tag gründete die aus einer jüdischen Familie in Polen stammende Rosa LUXEMBURG die „Gruppe Internationale“, die sich 1917 in „Spartakusbund“ umbenannte.

Am 2. Dezember 1914 stimmte zunächst allein der Sozialdemokrat Karl LIEBKNECHT gegen die Kriegskredite, im August 1915 wandten sich schon 20 SPD-Abgeordnete gegen sie. Am 23. Februar 1915 hieß es im SPD-Organ Vorwärts aus der Feder eines SPD- Reichstagsangehörigen: »Ich bekenne ganz offen, daß ein voller Sieg des Reiches den Interessen der Sozialdemokratie nicht entsprechen würde.«

Der SPD-Abgeordnete LIEBKNECHT rief am 1. Mai 1916 bei einer öffentlichen Kundgebung in Berlin auf dem Potsdamer Platz die Frontsoldaten zum Desertieren auf und mußte deswegen bis Kriegsende ins Zuchthaus. Ende Juni 1916 kam es zu ersten Arbeiterstreiks in der Rüstungsindustrie in Berlin, Bremen, Braunschweig und Stuttgart, zu weiteren am 6. April 1917. An diesem Tag gründeten die gegen den Krieg eingestellten linksextremen SPDler die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD), der der „Spartakusbund“ beitrat und die sich Ende 1918 in ›KPD‹ umbenannte. Die USPD wirkte durch massive Flugblattaktionen und rief am 28. Januar zum Generalstreik auf, wogegen die Regierung am 31. Januar den verschärften Belagerungszustand verhängte.

Der bayerische Landtagsabgeordnete der SPD Theodor AUER erklärte im Frühjahr 1932 auf einer Parteiversammlung offen: »Ich bin stolz, dabei gewesen zu sein, als wir, die Sozialdemokraten, der deutschen Armee den Dolch in den Rücken gestoßen haben!« Er meinte damit den Munitionsarbeiterstreik vom Februar 1918, der besonders in Berlin große Auswirkungen hatte. Mit diesem Ausspruch wurde der Sozialist weit über die Grenzen Bayerns als „Dolchstoß-AUER“ bekannt.2)

Der Landesverrat der Linken im schwer kämpfenden Vaterland geschah auch durch Verbindungen zum Ausland. So schrieb der frühere Marine-Oberheizer SACHSE, ein führendes Mitglied des ›Zentralkomitees der revolutionären Matrosen‹ von 1918 im Jahre 1925 in seinem Artikel »Der Dolchstoß«: »Nicht bekannt waren den Gerichten. .. jene direkten Verbindungen, die KÖBIS, BECKERS und ich über Wilhelmshaven hinweg mit den Mitgliedern des internationalen Sozialistenbundes hatten. Da wir nun wußten, daß es sehr gefährlich für die Bewegung sei, wenn die direkten Verbindungen von der Landbevölkerung zu den Schiffstruppen gestört seien, deckten wir im Prozeß unsere direkten Verbindungsleute  (zum Sekretariat der Zimmerwalder Internationalen in Stockholm) dadurch ab, daß wir dem Gericht bekannte Tatsachen über die Verbindung mit dem USPD-Abgeordneten als richtig hinstellten. .. Es ist dadurch. .. gelungen, unsere Bewegung zu schützen. .. und so zur Ausreifung der revolutionären Bewegung bis zum 7. November (1918) beizutragen. .. Wir waren ja mit der Gruppe der. .. ›Internationalen Sozialisten in Deutschland‹, mit denen Karl RADEK Fühlung hatte, eng verbunden. .. Jawohl! Wir haben Verbindung gesucht mit unseren Klassengenossen im Ausland.« 3)

Diese Aussage bestätigt das damals offene Geheimnis, daß die Matrosenmeutereien und ‑revolutionen in der deutschen Kriegsflotte vom 4. Juni 1917 und vom Oktober/November 1918 mit ausländischer Hilfe angezettelt wurden. Da das deutsche Heer im Felde nicht zu besiegen war, versuchte man, die deutsche Front mit Hilfe einheimischer Verräter von hinten aufzurollen. Den deutschen und ausländischen Agenten war es ein leichtes, sich ein Bild von der Stimmung an der Heimatfront zu verschaffen. Mit diesen Informationen konnten die alliierten Geheimdienste planen und linksextreme Gruppen im Reich unterstützen.

Zu den ausländischen Zentralen und Vereinigungen, die in den letzten Jahren des Ersten Weltkrieges den deutschen Zusammenbruch logistisch und finanziell unterstützten, gehörten unter anderen:

  1. die ›Zimmerwalder Internationale‹ mit Sitz in Stockholm seit 1917;
  2. die ›Auslandsvertretung der Bolschewiki‹ unter Leitung von Karl RADEK.
  3. die ›Internationalen‹ mit Sitz in Berlin unter Leitung von Julian BORCHARDT mit engen Beziehungen zu den Bolschewisten LENIN, RADEK und SINOWJEW;
  4. das Internationale Jugendsekretariat in der Schweiz unter Willi MÜNZENBERG;
  5. in Frankreich Überläufer und Kriegsgefangene;
  6. in Holland ›Deutsche Deserteur-Vereine‹ mit der englischen Agentur TINSLEY, das ›Komitee der Flüchtlinge‹ mit Verbindung zu dem französischen Nachrichtenoffizier CROZIER-DSGRANGES und unmittelbarer Verbindung zur deutschen USPD und den „Zimmerwaldern“ in Stockholm;
  7. der „Spartakusbund“ mit Sitz in Berlin unter Leitung von Rosa LUXEMBURG und Karl LIEBKNECHT. 4)

Über die Finanzierung der während des Ersten Weltkrieges gegen das Reich gerichteten revolutionären linken Bewegung in Deutschland gibt ein Bericht von 1919 Auskunft: „Das eigentliche Verbrechen der Revolution beginnt dort, wo das Geld der Entente, der Mammon der Feinde des deutschen Volkes, zum Verbündeten der deutschen Revolutionäre wurde“.

Das Geld für die deutsche Revolution floß aus drei Quellen:

  1. aus bestimmten jüdischen Kreisen in Deutschland selbst,
  2. aus dem Propagandafonds der Entente,
  3. aus dem Staatssäckel der russischen Bolschewiki.

Das Geld aus jenen jüdischen Kreisen (um Geheimrat WITTIG) ging zum Teil durch die Hände von HAASE und DITTMANN. ..  5)

Im März 1918 hat in den Lokalitäten von ASCHINGER in Berlin eine Besprechung zwischen einem aus Holland herübergekommenen Amerikaner namens RIDDER und verschiedenen revolutionären Vertrauensleuten stattgefunden, bei welcher nicht nur Einzelheiten der Revolution durchgesprochen wurden, sondern bei der auch von RIDDER an die Teilnehmer Geld ausgehändigt wurde. In Hamburg hatte derselbe RIDDER in Fleischers Weinstuben am Hauptbahnhof eine Zusammenkunft mit Louise WEGNER, bei der auch über die Frage der finanziellen Unterstützung verhandelt wurde. …

Das englische Weltreisebüro Thomas COOK und der in Holland wohnende englische Agent TINSLEY sandten ihre Leute nach Deutschland, um die Unzufriedenheit bis zur Siedehitze zu schüren. Feindliche Agenten in deutscher Militäruniform waren mit dem von englischen, französischen und amerikanischen Großindustriellen gestifteten Gelde in Deutschland unterwegs, um die Leidenschaften des Volkes aufzupeitschen und die Soldaten zur Desertion zu verleiten. Einige dieser Agenten hatten Beträge von 20 bis 30.000 RM bei sich.« 6)

In einem Bericht des französischen Leutnants Joseph CROZIER (sein eigentlicher Name war Pierre DESGRANGES) vom 10. November 1918 an General BOUCABEILLE in Paris wird der Einfluß des Auslandes bestätigt: »Die deutsche Revolution ist in dem Augenblick ausgebrochen, den wir vorausgesehen hatten, und man weiß noch nicht, ob die Revolution den militärischen Zusammenbruch herbeigeführt hat oder umgekehrt. Diese Revolution geht von den Leuten aus, die wir kennen, und wird, wie wir vorausgesagt haben, bis zum äußersten gehen.«

Der Franzose fügte hinzu, daß er Verbindungen mit den holländischen revolutionären Sozialdemokraten bekommen habe und wiederum durch diese mit den Mitgliedern der USPD in den Deserteurvereinigungen, die ihrerseits Kontakt zu deutschen Revolutionären hätten. Er habe den Befehl gehabt, die nur über geringe Finanzmittel verfügenden Zeitungen der USPD so zu unterstützen, daß sie ihre Propaganda gegen den Krieg unter ebenso günstigen Bedingungen treiben konnten wie die Sozialisten in der Reichsregierung.

Berlin im Januar 1919. Der Alexanderplatz ist mit Panzerautomobilen (»Achtung! In den Häusern bleiben«) abgesperrt.

Zwar leugneten die Funktionäre der USPD jegliche finanzielle Unterstützung durch das Ausland ab, doch diese wurde auch durch einen US-Nachrichtensender bestätigt, der nach dem Krieg schrieb: »Man braucht sich nicht zu wundern, daß der amerikanische Geheimdienst ausgezeichnet über die deutsche Revolution Bescheid wußte, half er doch, sie zu entfesseln. Die ganze Wahrheit über die Empörung der unabhängigen Sozialdemokratie. .. ist außerhalb Deutschlands kaum bekannt, und die, die in Deutschland davon wissen, sagen nicht viel darüber. … In Wirklichkeit aber wäre die Revolution kaum zur rechten Zeit ausgebrochen, wäre sie nicht durch alliierte und amerikanische Intrigenpropaganda und Geld erregt worden. Wir entzündeten in Deutschland das Feuer der Empörung.« 7)

Von demselben Tatbestand sprach Sir Robert BORDEN, der frühere kanadische Ministerpräsident, als er erklärte, daß man in England Anfang 1918 friedensbereit gewesen sei, denn man habe damals noch nicht gewußt, was hinter der deutschen Front vorging, daß dort von den Sozialdemokraten in Gemeinschaft mit französischen Spionen eifrig daran gearbeitet wurde, die deutsche Front von hinten aufzurollen, und daß die, die diese landesverräterische Arbeit leisteten, von Frankreich bezahlt wurden. 8)

Der schon genannte französische Geheimdienst-Offizier Leutnant Joseph CROZIER hielt sich während des Ersten Weltkriegs sogar mehrere Wochen lang in Berlin auf und konnte dabei in aller Ruhe sein Netz aufbauen. Über seinen Aufenthalt in der deutschen Hauptstadt schrieb er ein Buch 9), in dem er festhielt: »Die erste Todesstunde des Reiches schlug im Februar 1918, als der Generalstreik in Berlin ausbrach und 300000 Arbeiter sich unter der Fahne der Revolution sammelten. … Der Hauptorganisator dieses Streiks war der damalige Führer und anerkannte Chef der Sozialdemokratischen Partei«, also Friedrich EBERT (1871-1925). Auch andere erhoben diese Vorwürfe gegen den späteren Reichspräsidenten (1919-1925).

Dieser ließ damals die Schutzbehauptung verbreiten, er habe den Munitionsarbeiterstreik nicht nur nicht gebilligt, sondern sogar versucht, ihn zu verhindern. Diese Frage kam im Dezember 1924 bei einem Prozeß in Magdeburg zur Sprache. Reichspräsident EBERT hatte gegen den völkisch ausgerichteten Schriftsteller Dr. GANSSER geklagt, der ihm am 12. Juni 1922 bei einem Besuch Münchens auf dem Bahnhofsvorplatz das Wort »Vaterlandsverräter« zugerufen hatte. Das Münchener Gericht ließ die von GANSSER vorgelegten Wahrheitsbeweise zu und lud SPD-Fraktionsführer SCHEIDEMANN, den Reichstagsvizepräsidenten DITTMANN (USPD) und den Altsozialisten Georg LEDEBOUR

(1850-1947) als Zeugen vor. Diese waren keine Freunde EBERTS und hatten schon vorher gegen ihn ausgesagt. Daraufhin ließ EBERT seinen Strafantrag zurückziehen, was seine Glaubwürdigkeit sehr erschütterte.

Die Trauerfeierlichkeiten für den am 28. Februar 1925 gestorbenen Reichspräsidenten Friedrich EBERT fanden am 4. März 1925 vor dem Potsdamer Bahnhof statt. Der Magdeburger Prozeß wird bestimmt nicht spurlos an EBERT vorübergegangen sein.

Da GANSSER sein Beweismaterial jedoch in norddeutschen Regionalblättern veröffentlicht hatte, mußte EBERT doch gegen ihn klagen. Der amtierende Reichspräsident glaubte sich wegen einer inzwischen erfolgten Änderung in der Strafprozeßordnung in günstigerer Rechtslage. In den Verhandlungen vom 9. bis 23. Dezember 1924 in Magdeburg bestätigten einige der teilweise sich widersprechenden Zeugen indirekt die Anschuldigung GANSSERS. In einem Schreiben an das Gericht stellte der Zeuge Richard MÜLLER fest: »Ich war Vorsitzender der Streikleitung, der auch Herr EBERT angehörte. .. Herr EBERT hat an fünf Sitzungen der Streikleitung teilgenommen und nicht gegen den Streik gesprochen. Wäre schon damals das passiert, was im November 1918 eintrat, hätte sich Herr EBERT auch damals an die Spitze der Bewegung gestellt.«

Über diese Verhältnisse urteilte ZARNOW wohl zu Recht: »Die Darstellung, die der Zeuge MÜLLER über die Taktik des Herren EBERT, SCHEIDEMANN und Otto BRAUN (preußischer Ministerpräsident 1920-1933 mit kleinen Unterbrechungen) gegeben hat – die Angstpsychose, sie ist allein glaubhaft. Und diese Angst, von den Wählern abgehängt zu werden, hat ihre Kriegspolitik stärker beeinflußt als die Sorge um den glücklichen Ausgang des Krieges. Diese Angst ist der Rote Faden, der zum 9. November führte, und die schlüssigste Bestätigung der MÜLLERschen ›Theorie‹ ist, daß auch die Behörden (preußisches Innenministerium, Oberkommando in den Marken und das Berliner Polizeipräsidium) sie vertreten haben. Deren Beamten haben gleichfalls als Zeugen ausgesagt.« 10)

So sagte zum Beispiel der Regierungsrat HENNING von der Abteilung I a des Berliner Polizeipräsidiums folgendes aus: »Während des Kriegs haben wir Stimmungsbilder über die Lage hergestellt. Das Stimmungsbild, das wir kurz vor dem Streik den zuständigen Stellen weitergaben, lautete dahin, daß nach unseren Erforschungen die Bewegung nicht verursacht sei durch Ernährungsschwierigkeiten oder durch Sehnsucht nach Frieden, auch nicht durch Wahlrechtsvorlage, sondern durch geheime Bestrebungen der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei, die sich bemühte, den Beschluß der Zimmerwalder und der Kopenhagener Konferenz zu verwirklichen.« Der Streik war unserer Ansicht nach lediglich ein parteipolitischer und parteitaktischer. Der Eintritt der SPD war ein taktisches Manöver: Sie fürchtete, von der USPD an die Wand gedrückt zu werden.«

Der Zeuge Georg LEDEBOUR (USPD) erklärte anklagend vor Gericht: »Dieser Herr EBERT, dieser falsche Biedermann, kommt gleichzeitig zu dem revolutionären Republikaner den er bis aufs Blut haßt, und erbietet sich zu einer gemeinschaftlichen Revolution mit uns gegen seine eigene Regierung, um die Bildung einer gemeinschaftlichen Regierung… Nach meiner Schätzung der deutschen Beamten ist das, was in ihrer Vorstellung alles an Ungeheuerlichkeiten übersteigt: daß ein Minister gegen seine eigene Regierung mit Revolutionären eine Verschwörung einleitet zum Sturz der Monarchie, damit er bei der Beuteverteilung dabei sein kann.«

Das Magdeburger Gericht kam aufgrund derartiger Aussagen zu dem Urteil: »Es mußte somit festgestellt werden, daß der Nebenkläger (EBERT) durch seine Beteiligung an der Streikleitung und durch die einzelnen Handlungen in dieser seiner Stellung, zusammen mit den übrigen Mitgliedern der Streikleitung, objektiv und subjektiv den Tatbestand des § 89 StGB (Landesverrat) verwirklicht hat. Damit war weiterhin festzustellen, daß die Tatsache, die der Angeklagte (GANSSER) behauptet und verbreitet hat, daß nämlich der Nebenkläger durch seine Beteiligung am Berliner Massenstreik im Januar 1918 Landesverrat begangen hat, erweislich wahr ist.« Von diesem Urteil schwer getroffen, starb Ei3i-.RT bald darauf am 28.2.1925 an den Folgen einer Operation.

Zu erwähnen ist noch, daß im Vorwärts, dem traditionsreichen Parteiblatt der Sozialisten, am

  1. Oktober 1918 der linke Funktionär Friedrich STAMPFER schrieb: »Deutschland soll – das ist unser fester Wille als Sozialsten – seine Kriegsflagge für immer streichen, ohne sie das letzte Mal siegreich heimgebracht zu haben.«

Im April 1924 erschien die Ausgabe der Süddeutschen Monatshefte mit dem Titelbild »Der Dolchstoß«, die diesen anklagte. Deswegen zog sich der Herausgeber Nikolaus COSSMANN in München einen Prozeß wegen Geschichtsfälschung zu. 11)

Abschließend sei noch ein französischer Fachmann, der Heeresreferent in der französischen Deputiertenkammer, Oberstleutnant FABRY, mit seiner Äußerung im Februar 1920 vor den Abgeordneten zitiert: »Bei Kriegsende sahen wir die deutsche Armee in einer Stärke, wie nur irgendeine Armee, mit einem vortrefflichen Material ausgerüstet. Was, war nun die Ursache der Niederlage? Sie hatte hinter sich nicht mehr eine in einer einheitlichen Stimmung zusammengeschlossene Nation, den entschlossenen Willen, alle notwendigen Kriegsopfer zu bringen und den Krieg fortzusetzen. Dieser Krieg

hat klar bewiesen, daß auch die stärkste Armee keinen Kriegserfolg mehr herbeiführen kann, wenn hinter ihr kein Volk steht, das entschlossen ist und den festen Willen hat zu fechten.« 12)

Damit dürfte durch nachprüfbare und eindeutige in- und ausländische Aussagen hinreichend bewiesen sein, daß der deutsche Zusammenbruch im Herbst 1918 wesentlich mit durch die Bestrebungen der linken Parteien im Innern verursacht wurde und daher das Bild vom Dolchstoß in den Rücken des deutsches Heeres berechtigt ist.

 

 

Quellen:

  • Hans VON ZWEHL, Der Dolchstoß in den Rücken des siegreichen Heeres, Curtius, Berlin 1921; SCHWERTFEGER a., Die Ursachen des Zusammenbruchs 1923; Joachim PETZOLD, Die Dolchstoßlegende, Berlin (Ost), 1963.
  • Hans-Joachim WEINERT, in Leserbrief in: Berliner Morgenpost, 20.6.2000.
  • Gottfried ZARNOW, Der November 1918, die Tragödie eines Volkes, Archiv-Edition, Viöl 2000, S. 31.
  • Ebenda, S. 28 f.
  • Hugo HAASE (1863-1919) und Wilhelm DITTMANN (1874-1954) waren zwei führende Reichstagsabgeordnete der Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD), die sich Ende 1919 in ›KPD‹ umbenannten. Sie gehörten vom November bis 29. Dezember 1918 der ersten revolutionären Reichsregierung (›Rat der Volksbeauftragten‹) unter Friedrich EBERT an, traten für eine Rätediktatur ein und verließen die Regierung, als diese sich für eine Nationalversammlung und Demokratie entschied.
  • Wolfgang BREITHAUPT, in: Tägliche Rundschau, 4.3.1919.
  • Thomas M. JOHNSON, Dunkle Wege Amerikas im Weltkrieg, Stuttgart 1924, S. 22.
  • ZARNOW, aa (Anm. 3), S. 43.
  • Pierre DESGRANGES, In geheimer Mission beim Feinde 1915-18, Grethlern, Leipzig 1930.
  • ZARNOW, aaO. (Anm. 3).
  • Arne GROTEFELD, »Der Dolchstoß«, in: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung, 4, 2004, S.399, eine ausführliche Darstellung der Vorgeschichte.
  • Zitiert von ZARNOW, aa0. (Anm. 3), S. 146 f.

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